Rebecca Boehling wird zum 1. Januar 2013 neue Direktorin des Suchdienstes

Zentrum der Forschung schaffen

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Prof. Dr. Rebecca Boehling, ab 1. Januar 2013 neue Direktorin des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen.

Bad Arolsen - Die Forschung voranbringen, um die Geschichte der Opfer der NS-Zeit noch detaillierter aufarbeiten zu können, das ist ein Hauptziel der neuen Direktorin des Internationalen Suchdienstes, Rebecca Boehling.

Der Jetlag steckt der amerikanischen Historikerin nach dem Transatlantikflug noch in den Knochen, und nach dem morgigen Festakt zum Abschied des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz wird sie noch an der Universität in Baltimore (Maryland) zu tun haben.

Doch zum Dienstbeginn im Januar 2013 wird sie in die demnächst frei werdende Wohnung des derzeitigen stellvertretenden ITS-Leiters DjordjeDrndarski einziehen und auf kurzem Weg zu ihrer neuen Arbeitsstelle gelangen. Die ist dann nach 57 Jahren vom IKRK in einen Quasi-Zustand der Selbstständigkeit übergeben worden. Angesiedelt ist der ITS in Sachen Finanzierung beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, derzeit Staatssekretär Bernd Otto Neumann. Institutioneller Partner und Berater ist dann das Bundesarchiv. Kontrollorgan bleibt und Arbeitgeber wird der Internationale Ausschuss.

Alle Bereiche nutzen

In dieser Konstellation will die Historikerin die Forschung voranbringen, doch nicht abgetrennt von dem Suchdienst und der Archivarbeit. Alle drei Bereiche beeinflussen sich nach ­ihren Worten positiv und können die Arbeit erfolgreicher machen: Arbeit, das ist die Erkundung der Nazigeschichte und der Zeit nach der Kapitulation: Lageraufenthalte, Todesmärsche, das Schicksal elternloser Kinder, die Suche von Displaced Persons nach einer neuen Heimat und einer Identität. Eine spannende Aufgabe, die schon in Angriff genommen wurde und nun noch mehr Schwung bekommen soll.

Ziel sollte es sein, so Boehling, aus dem ITS ein Zentrum der Forschung über NS-Verfolgte für Deutschland und darüber hinaus Europa zu machen. In diesem Sinne hat sich der ITS nach der Öffnung der Archive für die Forschung und pädagogische Arbeit 2007 bereits entwickelt. Unter der Leiterin der historischen Abteilung, Dr. Susanne Urban, und mit einem qualifizierten Team von Historikern wurde schon wichtige Arbeit geleistet. Das Archiv bezeichnet sie dabei als einen „Schatz“ für die Geschichtsforschung. Auch wenn schon 60 Prozent der Akten digitalisiert worden sind, so bedeutet das nach Darstellung der Historikerin noch lange nicht, dass die Originalakten an Bedeutung verlieren. Die Effekten zumal, aus Lagern zum Suchdienst gelangte persönliche Gegenstände von KZ-Häftlingen etwa, lassen sich ebenso wenig digitalisieren wie die Wahrnehmung einer Originalakte auf bröselndem Papier.

Noch viel zu tun

Das anstehende Arbeitspensum bedeutet für die vorerst von ihrem Universitätsposten beurlaubte Rebecca Boehling (Vita im Hintergrundkasten), dass sie die Option für eine Verlängerung des zunächst auf fünf Jahre befristeten Anstellungsvertrags nutzen will, um Bad Arolsen als „Zielort der Forschung“ zu entwickeln. Es gebe noch viel zu tun. So böte das Verfassen von Biografien von DPs ein interessantes Betätigungsfeld, und die humanitäre Arbeit sei mit 750 Anfragen im Monat immer noch nicht abgeschlossen. Der ITS ist inzwischen Anlaufpunkt für die zweite und dritte Generation von Angehörigen der Opfer. Sie wollen wissen, wer ihr Vater war, und ganze Familiengruppen haben endlich, nach fast 70 Jahren, die Armbanduhr ihres im KZ umgekommenen Großvaters als einziges Andenken bekommen.

Während ihrer Studienzeit, die die perfekt Deutsch sprechende Amerikanerin in Kiel und München verbrachte, hatte sie schon mit dem Gedanken an eine Übersiedlung nach Deutschland gespielt. Immerhin war ihr Urgroßvater einst aus dem Königreich Hannover in die USA ausgewandert, um nicht beim preußischen Militär dienen zu müssen. Nachdem Rebecca ­Boehling mit einer deutschen Autorin an einem Buch über eine jüdische Familie aus Essen recherchierte, dabei auf den Suchdienst stieß und schließlich von der Ausschreibung der Direktoren-Stelle erfuhr, schließt sich nun der Kreis.

Hintergrund

Neue Direktorin für den Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen ist ab 1. Januar 2013 die Amerikanerin Rebecca Boehling. Gleichzeitig zieht sich das seit 1955 für den ITS zuständige Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf zurück.

Die Professorin für Geschichte, Jüdische Studien und Genderforschung leitet das Dresher Center for the Humanities an der University of Maryland Baltimore County. Boeh­ling ist Expertin in der Holocaust-Forschung, der Geschichte des Zweiten Weltkrieges und der Entwicklung Deutschlands in der Nachkriegszeit. Sie unterstützte die US-Regierung in einer Historikerkommission, die sich mit der Freigabe von Dokumenten über Kriegsverbrechen der Deutschen und Japaner befasste.

Sie war zu Studien- und Forschungsaufenthalten in Deutschland und übernahm Forschungsprojekte am US Holocaust Memorial Museum und dem Leo-Baeck-Institut.

1990 hat sie ihre Doktorarbeit in zentraleuropäischer Geschichte­ an der Universität von Wisconsin-Madison abgeschlossen. Mit „Life and loss in the shadow of the Holocaust“ veröffentlichte sie 2011 zusammen mit Uta Larkey die Geschichte einer jüdischen Familie aus Essen. (r)

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