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Ärger mit Bio-Feuchttüchern im Klo: Verstopfte Rohre verursachen Millionen-Schaden

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Von: Matthias Schuldt

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Spontaner Test: Wir legten ein Blatt dreilagiges Toilettenpapier und je ein WC-Feuchttuch dreier Hersteller für länger als eine Stunde ins Wasser. Die Packungen der Feuchttücher werben damit, dass der Verbraucher die Tücher problemlos im Klo herunterspülen könne. Nach der Einweichzeit hingen wir alle vier Testobjekte zum Trocknen auf. Während das bei allen Feuchttüchern problemlos gelang – sie blieben formstabil, rissen nicht – zerfiel das normale Klopapier (vorne auf dem Wäscheständer) schon beim vorsichtigen Herausheben in mehrere Teile.
Spontaner Test: Wir legten ein Blatt dreilagiges Toilettenpapier und je ein WC-Feuchttuch dreier Hersteller für länger als eine Stunde ins Wasser. Die Packungen der Feuchttücher werben damit, dass der Verbraucher die Tücher problemlos im Klo herunterspülen könne. Nach der Einweichzeit hingen wir alle vier Testobjekte zum Trocknen auf. Während das bei allen Feuchttüchern problemlos gelang – sie blieben formstabil, rissen nicht – zerfiel das normale Klopapier (vorne auf dem Wäscheständer) schon beim vorsichtigen Herausheben in mehrere Teile. © Matthias Schuldt

Stinkendes Ärgernis: Toiletten-Feuchttücher verstopften Abwasserrohre in einem Wildunger Haus - obwohl die Tücher sich angeblich in Wasser auflösen.

Bad Wildungen – Stinkendes Abwasser, 20 Zentimeter hoch stehend in mehr als einem Dutzend Privatkellern: Es brachte unlängst den ersten Einsatz im neuen Jahr für die Volkmarser Feuerwehr, die als Ausgangspunkt des Malheurs einen verstopften Kanal ausmachte. Die Wehr vermutet, dass Toiletten-Feuchttücher das Rohr komplett verschlossen. Ein Wildunger Hausbesitzer erlebte Ähnliches vor rund einem Jahr in seinem Haus.

Bei ihm seien nachweislich Feuchttücher die Ursache des übel riechenden Rückstaus gewesen, berichtet er in einer Reaktion auf den WLZ-Bericht über den Volkmarser Einsatz. Als er seine Mieterin damals darauf ansprach, erlebte der Wildunger Hauseigentümer jedoch eine Überraschung. „Sie zeigte mir die Packung der Feuchttücher und darauf stand der Hinweis: löst sich im Wasser auf“, erinnert er sich: „Leider hielten sich die Feuchttücher nicht daran.“

In der Tat bewerben viele Hersteller ihre Feucht-WC-Tücher mit Aussagen wie „Wegspülbar“ oder „Leicht wegspülbar“ und gar „Löst sich schnell in Wasser auf“, wie ein Blick in die Supermarktregale zeigt. Was bedeutet das in der Praxis? Gibt es gesetzliche Normen oder Vorschriften für die Abbaubarkeit und Löslichkeit oder für damit verbundene Werbeversprechen?

Ärger mit Bio-Feuchttüchern im Klo: Viele Millionen Euro Schaden jedes Jahr

Offenbar nicht. Das antworten die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) sowie das Hessische Umweltministerium übereinstimmend auf Nachfrage. „Millionen von Euro an Schäden entstehen jedes Jahr durch verstopfte Pumpen und Kanäle“, erläutert DWA-Pressesprecher Stefan Bröker. WC-Feuchttücher gehören in den Abfalleimer, nicht ins Abwasser, mahnen die Info-Broschüren des Verbandes. Allein Feuchttücher „aus Papier“ bildeten die Ausnahme.

Von Papier ist aber nicht die Rede auf den Packungen der „biologisch abbau-, leicht und sicher wegspülbaren, schnell wasserlöslichen“ Feuchttücher aus dem Handel. Laut Produzenten bilden unter anderem Holzfasern und recycelte Baumwollreste die Substanz.

Eine 2020 durch Feuchttücher verstopfte Pumpe eines Regenüberlaufbauwerks in Battenberg.
Eine 2020 durch Feuchttücher verstopfte Pumpe eines Regenüberlaufbauwerks in Battenberg. © Benjamin Heine, Abwasserverband „Oberes Edertal“/pr/Archiv

Umweltministerium: WC-Feuchttücher gehören immer in den Abfalleimer

Das hessische Umweltministerium lässt keinen Zweifel aufkommen, wie es diese Produkte bewertet: „Bei feuchtem Toilettenpapier handelt es sich um Abfall im Sinne des Kreislaufwirtschaftsgesetzes, der nicht über die Toilette, sondern über den Restmüll zu entsorgen ist“, teilt Pressesprecherin Julia Stoye mit. Auch aus dem Wasserhaushaltsgesetz ergebe sich, dass feuchtes Toilettenpapier nicht übers Abwasser zu beseitigen sei.

„Selbst wenn von Herstellern eine biologische Abbaubarkeit angegeben wird, haben Betreiber von Kanalnetzen und Kläranlagen sehr schlechte Erfahrungen gemacht, da Feuchttücher zu Verstopfungen und zum Ausfall vom Pumpen führten“, ergänzt sie. Vor diesem Hintergrund enthielten auch die Entwässerungssatzungen der Kommunen allgemeine Einleitungsbedingungen, nach denen Abfälle, zu denen WC-Feuchttücher zählten, nicht in die Abwasseranlagen eingebracht werden dürften, schließt das Ministerium.

Ärger mit Bio-Feuchttüchern im Klo: Folgekosten der Schäden treffen alle Gebührenzahler

Die Folgekosten der Probleme gehen auf die Deckel aller Gebührenzahler. Trotz dieser Tatsache haben die fragwürdigen Werbeversprechen auf Feuchttücher-Verpackungen den Verbraucherzentrale Bundesverband noch nicht beschäftigt. Ihm sei das Thema neu, erklärt er.

Der Bayrische Rundfunk thematisierte die Schwierigkeiten in Abflussrohren, Kanälen und Kläranlagen mit diesen Tüchern im März 2021. Die Firma Hakle bestand auf Anfrage des Senders darauf, dass die Packungsangaben stimmten. Seit 7. Januar liegt der Presseabteilung des Unternehmens eine detaillierte Anfrage der WLZ-Redaktion vor, unter anderem dazu, wie schnell sich die in besagter Weise beworbenen Tücher im Vergleich zu normalem Toilettenpapier im Wasser auflösen. Die Antwort stand bis Redaktionsschluss am Mittwoch aus.

Anfrage im Bundestag: Industrie konstruiert sich selbst die Vorgaben zu wasserlöslichen WC-Feuchttüchern

Vor rund fünf Jahren beantwortete die Bundesregierung eine Kleine Anfrage zu Feuchttüchern in der Toilette und zum Vorgehen der Hersteller. Hier der zentrale Auszug aus der Antwort: „Ob ein Produkt ‘spülbar’ ist oder nicht, wird derzeit über die sieben Stufen der Spülbarkeit getestet. Dieses Verfahren wurde von der Industrie selbst entworfen, bildet jedoch kaum reale Verhältnisse ab.

Der von der ‘Roof Organization for the European Nonwovens Industry’ (EDANA), einer internationalen Vereinigung von Firmen der Vliesstoffherstellung und -verarbeitung, entwickelte „Slosh-Box-Test“ (Schwallbox) beispielsweise überprüft den Zerfall der Tücher, indem diese in eine schwenkende Box mit Wasser gelegt werden und dann die abgelöste Masse nach drei Stunden bestimmt wird.

Anspruch ist, mindestens 25 Prozent der Masse verloren zu haben. Das aber bedeutet zum einen, dass potenziell immer noch 75 Prozent der Tücher Rohre und Pumpen verstopfen können. Zum anderen ist die Zeitangabe von drei Stunden kritisch zu betrachten, da diese im Regelfall nicht der realen Fließzeit entspricht (Fließzeit in Berlin beispielsweise ein bis vier Stunden)...“

Auch in der Region Kassel verstopfen Feuchttücher immer wieder die Kanalisation und verfangen sich in den Abwasserpumpen. (Matthias Schuldt)

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