Nachdem der Planungsausschuss abschließend den Abriss gebilligt hat:

Ärztegruppe organisiert Demo zum Erhalt des  Wildunger Kurhauses 

Eine Kurstadt muss Gäste in einem repräsentativen Kurhaus empfangen, meinen die Organisatoren der Demo. Foto: Archiv

Bad Wildungen. Für den Samstag, 7 April, 11.30 Uhr, lädt die „Aktion Wildunger Ärzte“ ans Kurhaus alle Interessierten zu einer Demonstration ein unter dem Titel „Für die Zukunft Bad Wildungens – gegen den Abriss der Kurhaussäle“.

Die Teilnehmer marschieren von der Langemarckstraße zum Rathaus, um ihre Kritik und ihre Erwartungen an die Kommunalpolitik in die Öffentlichkeit zu tragen. Sprecher der Aktion von Wildunger Medizinern ist Wolfram Schmidt-Betschel. Gemeinsam mit Dr. Martin Bauer, Dr. Mathias Bauer, Dr. Lutz Gercke, Dr. Heiko Lienhard, Ihsan Selo und Professor Dr. Hans-Herbert Vater formuliert er Forderungen an die Stadtpolitik, für die das Schicksal der Kurhaussäle nur symbolhaft steht.

Wie lautet die zentrale Forderung der „Aktion Wildunger Ärzte“?

Die Stadt braucht einen Entwicklungsplan für die nächsten zehn bis zwölf Jahre mit drei Zielen: 1. die ambulante und stationäre Medizin zu sichern; 2. den Tourismus zu stärken in seinen Sektoren Gesundheit, Sport und Kultur; 3. den Bildungsstandort speziell mit Blick auf das Gesundheitswesen voran zu bringen. Alle Entscheidungen der Politik müssten sich an den Vorgaben einer solchen zehn- bis zwölfjährigen Agenda messen lassen und orientieren.

Wie soll der verlangte Entwicklungsplan für den Gesundheits- und Tourismusstandort erarbeitet werden?

Wolfram Schmidt-Betschel sagt: „Das ist eine gemeinsame Aufgabe für Bürger und Politik.“ Die Bürger müssten effektiver beteiligt werden. Viele hätten gute Ideen, die es sich für ein solches Entwicklungskonzept zu sammeln lohne. Seine Kollegen und er zögen diesen Schluss aus vielen Gesprächen, die sich im Praxisalltag ergäben. „Die Stadt könnte zum Beispiel eine E-Mail-Adresse für solche Anregungen einrichten“, schlägt Schmidt-Betschel vor.

Wie steht die Aktion grundsätzlich zu dem Projekt eines Hotelbaus auf dem Kurhausgelände?

Sie stellt sich nicht prinzipiell gegen das Vorhaben, aber gegen einen Schnellschuss, unterstreicht Wolfram Schmidt-Betschel. Das Konzept der Hotelbetreiber beinhaltet, das Haus gerade auch mit Gesundheitstagungen zu füllen. Um diese Vermarktung kümmert sich eigens eine zur Hotelgruppe gehörende Gesellschaft. Dieser Ansatz passt zu den Forderungen der Ärzteaktion, den Gesundheitsstandort zu stärken. „Was uns in erster Linie stört ist, dass das gesamte Areal von 16 000 Quadratmetern an einen einzigen Investor verkauft werden soll“, kritisiert Schmidt-Betschel.

Warum fordert die Aktion die Aufteilung des Areals?

Weitere, für den Gesundheitsstandort wichtige Projekte könnten neben dem Hotel an der Langemarckstraße verwirklicht werden. Statt Stadtvillen mit Senioren-Eigentumswohnungen auf dem hinteren Teil zuzulassen, solle die Stadt dort lieber Wohnraum für jüngere Zielgruppen schaffen: beispielsweise Auszubildende im Gesundheitswesen, die etwa im expandierenden Asklepios-Bildungszentrum beschäftigt seien. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in der Pflege böte bezahlbarer Wohnraum auch Examinierten den Anreiz, eine Stelle in Bad Wildungen anzunehmen. Dem benachbarten Wohn- und Pflegezentrum „Haus Waldeck“ solle Raum für eine Ausweitung gegeben werden, fügt Schmidt-Betschel hinzu.

Warum hält die Aktion das Kurhaus für unverzichtbar?

Zwar ist für das Hotel ein 500 Quadratmeter großer Saal geplant, der sich für Bälle und große Feiern ebenso eignet, wie er sich für Tagungen in mehrere Räume aufteilen lässt. Doch ermöglicht er keine über die Stadtgrenzen hinweg ausstrahlenden Kulturveranstaltungen wie große Musical- oder Opernabende, die früher die Kurhaussäle aus den Nähten platzen ließen, unterstreicht die Aktion. Aus ihrer Sicht fällt ein zweiter Umstand noch schwerer ins Gewicht, betont Schmidt-Betschel: „Gäste erwarten in einem Kurort ein Kurhaus, in dem sie die Touristeninformation in einem repräsentativen Umfeld empfängt.“ Diesen Anspruch erfülle das Haus Brunnenallee 1 nicht. Den Erhalt der Säle in Kombination mit einer Tourist-Information – all das neben dem Hotel – schlägt die Aktion als eine Alternative vor. Eine zweite wäre ein entsprechend ausgestatteter, dem Hotel benachbarter Neubau. Die Finanzierung und der Betrieb einer solchen Einrichtung wäre allerdings Sache der Stadt, hatten die Projektentwickler des Hotels im Planungsausschuss jüngst klar gestellt.

Wie schätzt die Aktion die Zukunft der medizinischen Versorgung in Wildungen ein?

Es bedarf größerer Anstrengungen, um eine umfassende, haus- wie fachärztliche Versorgung der heimischen Bevölkerung und der vielen Gäste zu sichern. Hintergrund sei – mit Ausnahme der Psychiater – kein akuter Mangel an niedergelassenen Ärzten, sondern eine veränderte Mentalität der nachrückenden Medizinergeneration. Junge Ärztinnen und Ärzte legten vermehrt Wert auf verlässliche Arbeitszeiten, die mit Blick auf die Familie auch Teilzeit ermöglichen. Und sie behandeln lieber in der Rolle als angestellte Ärzte. Denn als Selbstständige müssen sie das Risiko hoher Investitionen in Technik und Praxisausstattung tragen. An die Stelle des Land- oder Facharztes mit 50- bis 60-Stunden-Woche tritt der angestellte Mediziner mit 38,5 Stunden-Woche. Mehr Köpfe sind deshalb in der Summe nötig, um das Versorgungsniveau zu halten.

Welche Forderung an die Stadt leitet sich daraus ab?

Die Stadt müsse rasch auf diese Entwicklung reagieren, bevor die Baby-Boomer unter den heimischen Niedergelassenen ihre Praxen übergeben. Darum schlägt die Aktion ein städtisches „Medizinisches Versorgungszentrum“ vor, das ähnlich wie die Poli-Kliniken in der früheren DDR unter einem Dach das ambulante haus- und fachärztliche Angebot bündelt und Ärzte beschäftigt. „Das soll keine Konkurrenz zu existierenden privaten Zentren darstellen. Wenn der Markt das regelt, ist es umso besser“, meint Schmidt-Betschel. Doch die Stadt müsse sich darum kümmern, dass eine solche Einrichtung geschaffen werde, falls der Markt das Angebot nicht ausreichend organisiere – etwa, indem die Stadt ein Grundstück für ein solches MVZ frühzeitig vorsorglich reserviere. Eine vergleichbare Vorsorge müsse die Stadt auch mit Blick auf die mögliche Neuansiedlung von Kliniken oder Erweiterungspläne der bestehenden Kliniken betreiben.

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