In Reaktion auf Zeitungsbericht:

"Niveaulose und beleidigende Sprache": AfD-Ortsverband löscht eigenen Twitter-Account

Der Islam als Ganzes als tödliche Bedrohung: Pauschalisieren zählte zum Grundton der Einträge auf dem Twitter-Konto des AfD-Ortsverbandes Bad Wildungen/Edertal/Waldeck. Foto: Schuldt

Wildungen/Edertal/Waldeck – Der Ortsverband Bad Wildungen/Edertal/Waldeck der „Alternative für Deutschland“ (AfD BEW) hat sein Forum beim Kurznachrichtendienst  „Twitter“ kurzerhand abgeschaltet.

Das gaben die Sprecherin des Kreisverbandes Sonja Rolof und die Sprecherin des Ortsverbandes Gudrun Hebeler am Freitag in einer aktuellen Presseerklärung bekannt (im Wortlaut ganz am Ende dieses Beitrags). Sie reagieren damit auf Recherchen der Wildunger WLZ-Redaktion. Der Vorgang reiht sich ein in bundesweite Meldungen über die Aktivitäten der AfD in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter. Von Manipulationen, die künstlich und mit technischen Mitteln die Reichweite der AfD-Kommentare erhöhen, wird etwa berichtet. Sie erweckt so trotz ihrer Minderheitenposition in deutschen Parlamenten den Eindruck einer  virtuellen Mehrheit im Netz. 

Ein Bürger, der ungenannt bleiben möchte, hatte  sich wegen des Twitter-Kontos der AfD BEW per Mail an die Heimatzeitung gewandt, weil die Posts auf der Plattform ihn mit Sorge erfüllten. Unsere Zeitung sah sich den Twitter-Auftritt der heimischen AfD über mehrere Tage an. Inzwischen hat ihn die Partei aus dem Netz genommen. 

In erheblicher Zahl waren dort Zeilen zu lesen wie diese: „Die geistigen RAF-Väter dieser Irren würden sich in der Hölle für Mörder und Banditen auf die Oberschenkelknochen klatschen...“ Dieser Tweed  bezog sich auf die Grünen.

Zur Diskussion um die Einführung eines dritten Geschlechts, die auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von 2017 zurückgeht, wurde getweetet: „Wenn die Höllenkreaturen, die in den Köpfen der Kinder wühlen, erst einen Zweifel eingepflanzt haben, dann wird wahr, wovon diese Teufelsanbeter träumen...“ Der Tweed stellt eine Verbindung her zwischen dem dritten Geschlecht und einer vermeintlichen Bedrohung, die es für Grundschulkinder darstelle.

Die Wildunger Flüchtlingshelfer geraten ebenfalls ins Visier: „Die lokalen Eliten & Mittäter der 'Eine-Welt-Front' haben über 1100, verpflichtet war man zu ca. 700, Entwurzelte gewinnbringend über die Stadt verteilt. Leben auf einem Minenfeld.“

Der Sprachgebrauch folgt einem Muster, das Politik-PR-Berater vor rund 20 Jahren entwickelten.

Zu dem Muster, das sich auf dem Twitter-Konto der AfD Bad Wildungen/Edertal/Waldeck spiegelte, zählt auch das Verbreiten von gefälschten oder verzerrten Informationen.

Auf der AfD-Seite waren dafür ebenfalls eine Reihe von Beispielen zu finden. Eines der bekanntesten der letzten Wochen fand sich in einem auf dem Twitter-Konto abgebildeten AfD-Wahlplakat: „Islamismus findet nicht statt? Mohammed der beliebteste Vorname.“ Die Behauptung ist nachweislich falsch (siehe „HINTERGRUND: Das "Mohammed"-Fake" weiter unten).

Als weiteres Element gesellt sich Nationalismus hinzu. Am 5. Mai wurde auf dem heimischen AfD-Konto mit dem Tweed „Zum Schutz und Trutz!“ ein Video eingestellt. Der gezwitscherte Satz stellt ein Zitat dar aus dem „Lied der Deutschen“. Die dritte Strophe „Einigkeit und Recht und Freiheit“ wird heute als Nationalhymne gesungen.

Das Video verbindet dagegen bewegte Bilder mit dem kompletten Lied, so auch dessen erste Strophe „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt. Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt...“

Zu sehen zu diesen Zeilen war eine Collage mit Bildern von Chören, Rummelplätzen oder dem Fußball-WM-Titel von 2014 – aber etwa auch direkt aneinander geschnittene Aufnahmen von Reichswehrsoldaten, vorwärts stürmenden Wehrmachtssoldaten und exerzierenden Bundeswehrsoldaten. Die aufgezählten Flüsse umfassen ein Gebiet, das Territorien von Frankreich und den Benelux-Ländern im Westen bis nach Litauen und Weißrussland im Osten einschließt, von dänischem Boden im Norden bis zu weiten Teilen Norditaliens.

Die Strategie: Demotivieren statt motivieren

All das hat Methode, doch erfunden hat es nicht etwa die AfD. Der Journalist Hannes Grassegger sprach für „Das Magazin“ aus der Schweiz mit einem der Schüler von Arthur J. Finkelstein, der 2017 starb. Der Berater erläuterte Grassegger die von Finkelstein begründete Strategie, mit der Benjamin Netanjahu in Israel 1996 die Wahlen gewann und später Viktor Orban in Ungarn. An diesem roten Faden orientieren sich auch Kampagnen-Berater, die etwa Donald Trump zum Sieg verhalfen. Wissenschaftler beschäftigen sich mit dem Phänomen schon länger: Negativkampagnen nach dem Grundsatz „Demotivieren ist einfacher als motivieren“. Sie beinhaltet etwa das Anheizen negativer Emotionen gegen politische Gegner und deren Ziele über eine Sprache, die Ablehnung, Feindseligkeit bis hin zum Hass äußert. Falschmeldungen sollen eigene Anhänger mobilisieren, gegnerische Anhänger verunsichern. Zudem: Falsche Nachrichten verbreiten sich im Netz besser als richtige, ermittelten Forscher.

HINTERGRUND: Das "Mohammed"-Fake

Die von der Co-Vorsitzenden der Afd-Fraktion im Bundestag Alice Weidel prominent verbreitete Falschmeldung von "Mohammed" als vermeintlich beliebtestem Vornamen (in Berlin) ist ein  Beispiel: Die Gesellschaft für deutsche Sprache erstellt die Liste der beliebtesten Vornamen. Deutschlandweit landete Mohammed auf Platz 24. Zur Einordnung: Felix auf Rang 10 wurde an knapp 1 Prozent der Jungs vergeben, also etwa 4000 bei rund 780 000 Neugeborenen. Die ersten drei der Liste: Paul, Alexander, Maximilian. Bei den Erstnamen – bei Kindern mit mehreren Vornamen – führen Ben, Paul, Leon. Nur in Berlin gelangte Mohammed in dieser Kategorie auf Platz 1, einem Anteil von 1,2 Prozent an den geborenen Jungs. Und Mädchen? Sowohl bei Vor- als auch Erstnamen führen Marie/Maria oder Sofie/Sophia die Listen an. Der in Deutschland beliebteste Mädchenvorname aus arabischer und türkischer Sprache,  "Leyla" oder "Layla", hält gerade einmal Platz 71. Doch diese Infos liefert die AfD nicht, sondern verkündet auf ihrem einschlägigen Wahlplakat "Eine Islamisierung findet nicht statt? Mohammed der beliebteste Vorname" 

Im Wortlaut: die gemeinsame Presseerklärung von AfD-Kreisverband und -Ortsverband

"Auf das Schärfste verurteilen die Verantwortlichen, die AfD-Kreissprecherin Sonja Rolof und die AfD- Ortsverbandsprecherin Gudrun Hebeler, die niveaulose und beleidigende Sprache, den völlig inakzeptablen Impetus der Twitter Posts - Retweets des Ortsverbandes BEW... . Nach Rücksprache mit dem Administrator der genannten Internetseite zeigte sich dieser bestürzt über die nicht beabsichtigte Besorgnis von Wildunger Mitbürgern. Er empfahl dem Vorstand daraufhin, die Seiten sofort aus dem Netz zu nehmen und die Twitter- Plattform abzuschalten. Diese einzig angemessene Maßnahme wurde nach einstimmigem Beschluss des Ortsverbandvorstandes durchgeführt. Die Inhalte werden zwischenzeitlich eingehend überprüft. Der Kreisverband begrüßt diese Entscheidung, die eine zeitnahe rechtliche Prüfung erleichtert. Bei Verstößen werden die Verantwortlichen mit harten Konsequenzen rechnen müssen."

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