Drei junge Männer aus Bad Wildungen und Fritzlar wegen bewaffneten Überfalls vor Gericht

Alte Schulfreunde auf Raubzug

Bad Wildungen/Fritzlar/Kassel - Morgens um 9 Uhr in Fritzlar: Kommt, überfallen wir einen Laden. Dann ein bisschen einkaufen im DEZ, bevor wir in den Zug steigen und mit der Kohle für ein paar Tage im Drogen-Mekka Amsterdam einen drauf machen.

Kurz gefasst hört es sich so an, was die drei Angeklagten am Montag vor der zehnten Strafkammer des Landgerichts Kassel (als Jugendstrafkammer) mit vollen Geständnissen zu Protokoll geben. Wenig Arbeit bei der Wahrheitsfindung für das Gericht unter Vorsitz von Richter Dreyer. Das Trio, das seit März in Haft sitzt, bestätigt die Anklage von Staatsanwältin Boekgen und die drei jungen Männer widersprechen sich auch untereinander nicht: ein Brüderpaar aus Bad Wildungen, 22 und 20 Jahre alt – nennen wir sie Chris* und Mike* – und ihr 21-jähriger Freund Amadeo*, der zwar die brasilianische Staatsangehörigkeit besitzt, aber als Kind mit den zwei anderen in Fritzlar zur Schule ging, wo er bis zur Verhaftung lebte. Die drei Freunde bezeichnen sich als einer Clique zugehörig, die gewöhnlich am Fritzlarer Busbahnhof abhängt. Alle drei rauchen Gras, regelmäßig. Haschisch und Alkohol kommen hinzu. „Das ist ganz schön teuer. 15 Euro am Tag“, erklärt Mike dem Gericht. Ein bis zwei Gramm konsumieren alle drei täglich. „Dafür brauchten wir Geld und da hatte ich die Idee mit dem Überfall auf den Goldankauf“, schildert der ältere Bruder Chris. Mike und Amadeo ziehen mit, damals am 10. Januar 2013, als spontan an den Bushaltestellen die Idee geboren und im kleinen Kreis besprochen wird. Gleich abends wollen sie das Ding drehen, „doch dann haben wir uns zehn Meter vor dem Geschäft anders entschieden. Es waren zu viele Leute vor der Post“, berichtet Chris. So verabredet sich das Trio für den nächsten Morgen um 9 Uhr. Ein vierter Kumpel soll mit sein von der Partie, doch als die drei ihn herausklingeln wollen, gibt der Vater an der Sprechanlage die Auskunft, sein Sohn schlafe noch. „Das war besser für ihn“, kommentiert Chris gestern trocken und treffend. Gemeinsam mit Mike und Amadeo platziert er zwei Rucksäcke mit auffälliger Wechselkleidung in den Fritzlarer „Rolandstuben“, einer ehemaligen Gaststätte, „von der wir wussten, dass die Tür offen ist und wir die Rucksäcke dort verstecken konnten“, erzählt Mike. In Kapuzenshirts und mit Schals mehr oder weniger gut verhüllt gehen sie in den Laden: Mike zuerst, hinter ihm Amadeo. Beide haben Softair-Pistolen dabei – echten Waffen täuschend ähnlich - ziehen sie und bedrohen die Verkäuferin. Ihr geschehe nichts, wenn sie gehorche. Während Mike zwei Meter vor ihr mit der Waffe im Anschlag alles Geld einfordert und Amadeo an der Tür Schmiere steht, eilt Chris hinter den Thresen zu der Frau. Er weiß, wo das dicke Portemonnaie in der Schublade liegt, stellt sich hinter die Verkäuferin und reißt ihr die Beute aus der Hand. Knapp 6000 Euro sind es. „Ich wusste, dass dort was zu holen ist, weil ich einige Zeit davor Silber in den Laden gebracht hatte“, erklärt der älteste der drei Angeklagten der Strafkammer. Die volle Börse war ihm damals aufgefallen, als die Verkäuferin das Geld für das Silber ausbezahlt hatte. Der Überfall ist schnell vorbei. In den Wechselklamotten lässt sich das Räubertrio von einem ahnungslosen Kumpel nach Kassel zum Einkaufen fahren und tritt den Trip nach Holland an. Die 44-jährige Zeugin bestätigt im Wesentlichen die Angaben der Angeklagten. Sie beschreibt ihren Schockzustand: „Es ging so schnell. Als die drei raus waren, fiel mir nicht die Nummer der Polizei ein.“ Unter Albträumen litt sie danach, „obwohl ich mich für eine starke Frau hielt.“ Bis heute zittere sie, „wenn an der Schreibe jemand mit einem Kapuzenshirt vorbei geht.“ Die drei Angeklagten entschuldigen sich bei ihrem Opfer, „auch wenn unsere Tat nicht zu entschuldigen ist“, wie Mike hinzufügt. Sie wollen das Geld zurückzahlen. Für Amadeo, die Staatsanwaltschaft und das Gericht gibt es ein weiteres Thema: Der junge Fritzlarer Brasilianer muss sich zusätzlich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten, begangen auf der Manderner Kirmes im Mai vorigen Jahres. Ein Freund von Amadeo war wegen eines Mädchen in Streit mit einem anderen Kirmesbesucher und so in eine Schlägerei geraten. Per Telefon forderte er Amadeo und einige weitere Kumpel zur Verstärkung an. „Wir fuhren hin, um zu provozieren,“ gibt Amadeo zu, „doch dann sahen wir uns mit fünf Leuten etwa 20 Mann gegenüber und wurden ruhiger.“ Während der Verhandlungen mit einem der Veranstalter hätten die Jugendlichen aus der großen Gruppe gerufen und provoziert. „Ihr habt Angst, Ihr seid keine Männer“, erinnert sich der 21-Jährige vor Gericht. Dann ging er zum Angriff über. Prellungen, Nasenbeinbruch und weitere Blessuren bei den Gegnern waren die Folge. Auch junge Männer, die schlichten wollten, trugen laut Anklageschrift heftige Blessuren davon. Irgendwann zog Amadeo sein Taschenmesser heraus, klappte die Klinge auf und drohte. „Haltet euch fern, sagte ich. Danach habe ich es wieder eingesteckt.“ Der Prozess geht Freitag zu Ende. Bis dahin bleiben die drei, in Haft. Chris verbüßt in diesem Rahmen bereits eine achtmonatige Freiheitsstrafe, verhängt vom Amtsgericht Fritzlar.(*Name geändert)

Von Matthias Schuldt

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