Prozess um doppelten Mordversuch in Wildungen

Angeklagter „weiß nicht, welche Rolle das Messer spielte“

Foyer des Landgerichts Kassel
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Im Landgericht Kassel fällt die Entscheidung, ob der Manderner Fall von schwerster häuslicher Gewalt aus dem Frühjahr 2020 als zweifacher Mordversuch verurteilt wird.

Zweiter Prozesstag am Landgericht Kassel um einen laut Anklage zweifachen Mordversuch und gefährliche Körperverletzung in Wildungen: Der Angeklagte schilderte seine Version.

  • Am zweiten Prozesstag um einen zweifachen Mordversuch im Wildunger Stadtteil Mandern schilderte der Angeklagte seine Version am Landgericht Kassel
  • Nach eigener Aussage weiß er nicht, welche Rolle das Messer bei seiner Gewalttat gegen seine Frau und seinen Stiefsohn spielte
  • Sowohl die Fausthiebe gegen den Kopf der Frau als auch die Verletzungen aus der Messerattacke bei ihr und ihrem Sohn seien potenziell lebensgefährlich gewesen, sagte Rechtsmediziner Mohamed Mousa am Landgericht Kassel.

Bad Wildungen/Kassel – „Meine Frau bestand auf dem Tagesprogramm für meine Tochter, in dem ich kein Faktor war.“ So beschrieb der Angeklagte am zweiten Prozesstag um die Mordversuche aus seiner Sicht den Auslöser für seine Gewalttat vom 29. April 2020 Am Morgen hörte er in dem Einfamilienhaus im Wildunger Stadtteil Mandern gegen 5 Uhr, wie seine Frau aufstand, um sich zur Arbeit fertig zu machen. „Ungewöhnlich war, dass auch unsere Tochter mit aufstand, denn seit fünf Wochen war ja Lockdown und keine Schule“, sagte der 55-Jährige vor der sechsten Strafkammer des Landgerichts Kassel.

Er verlebe gerne Zeit mit der Tochter, habe sich auf gemeinsames Kochen und später vielleicht eine Radtour mit der Kleinen gefreut. Doch dann habe ihm seine Frau in der Küche eröffnet, dass ein Kollege sie und das Kind gleich abhole, weil die Neunjährige den Tag im betriebseigenen Hort des Arbeitgebers verbringe.

„Es wurde sofort kontrovers“

„Es wurde sofort kontrovers und ein bisschen schärfer im Ton. Meine Tochter war dabei,“ schilderte der Wildunger seine Version. Er habe das Kind nach oben geschickt. In der Küche „gab ein Wort das andere. Durch die Eskalation habe ich meine Frau mit der Hand ins Gesicht geschlagen. Das ist untypisch für mich.“ Die Frau sei „zwischen Eckbank und Tisch heruntergefallen.“ Um Hilfe habe sie gerufen, ihn „auf das Übelste beschimpft“ und dass sie ihn von der Polizei festnehmen lasse.

Auf Nachfrage der sechsten Strafkammer des Landgerichts Kassel beschrieb der 55-Jährige genauer: „Sie sagte, ich hätte nie gearbeitet, aber das stimmt nicht. Das kann ich beweisen. Als Versager bezeichnete sie mich.“

„Irgendwie bekam ich das Messer zu fassen“

Dann sei er gegen die Arbeitsplatte der Küche getaumelt „und irgendwie bekam ich das Messer zu fassen.“ Aus einem von zwei Messerblöcken. „Meine Frau beschimpfte mich weiter.. Ich glaube, sie kam auf mich zu“, meinte der Angeklagte.

Wegen noch nicht ausgeheilter Verletzungen aus einem Fahrradunfall, unter anderem am Knie, sei er gegen die Tür gefallen: „Welche Rolle das Messer spielte“, könne er nicht sagen. „Es kam zum Kampf“, formulierte der etwa 1,85 Meter große Angeklagte, stämmig gebaut, und meinte: „Dabei habe ich wahrscheinlich meine Frau verletzt“, die zierlich und deutlich kleiner ist als er.

„Nicht gemerkt, dass ich dass Messer noch in der Hand hatte“

Dann tauchte der erwachsene Stiefsohn in der Küche auf, habe ihn beschimpft und mit der Polizei gedroht. Der damals 21-jährige lief hoch in sein Zimmer und schloss die Tür ab, um den Notruf an die Polizei per Handy abzusetzen. „Ich bin hinterher und durch die Tür. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich das Messer noch in der Hand hatte“, sagte der Angeklagte aus.

Der Stiefsohn sei gestürzt und habe getreten, „ich schlug ihn. Dabei hatte ich das Messer noch in der Hand und es muss zu den Verletzungen gekommen sein.“ Als der 21-jährige „meinen Namen rief, machte es Klick bei mir“, meinte der Angeklagte. Er habe sofort aufgehört, das Messer Richtung eines Sofas fortgeworfen und in der Folge das Haus im Wildunger Stadtteil Mandern verlassen.

Messerstiche und -schnitte hätten lebensgefährlich sein können

Die heute 45-jährige Noch-Ehefrau und ihr heute 22-jähriger Sohn wurden bei den Messerattacken Ende April im Wildunger Stadtteil Mandern schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Rechtsmediziner Mohamed Mousa vom Universitätsklinikum Gießen bezeichnete es in seiner Expertise als Sachverständiger allerdings als Zufall, dass die lange Klinge keine Arterien in Armen und Beinen der Opfer traf, was weit bedrohlichere Blutungen verursacht hätte. Mousa benannte die Verletzungen der Opfer darum als „potenziell lebensgefährlich“ und das allein schon für den Fall, dass es durch das Messer zu umfassenden Infektionen der Wunden hätte kommen können.

Kombinierte-Stich-Schnitt- und reine Schnittverletzungen – die längste im rechten Unterarm der Frau maß sieben bis acht Zentimeter – diagnostizierte der Forensiker an Hand der Arztberichte der Wildunger Stadtklinik und der Polizeifotos von den Opfern kurz nach dem Messerangriff.

Potenziell lebensgefährlich sei auch die Serie von Fausthieben des Angeklagten gegen den Kopf der Frau. Sie habe schwere Blutergüsse und eine Gehirnerschütterung erlitten. Die Gewalt hätte aber ebenso ein lebensbedrohliches Hirnödem auslösen können, sagte Mousa..

Am ersten Prozesstag war allein die Anklage verlesen worden. (Matthias Schuldt)

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