Ausstellung im Museum: „Ehemalige Bad Wildunger Juden und ihre Kinder im Interview“

Aus Argentinien zur Spurensuche

+
Johannes Grötecke mit Angehörigen ehemaliger Wildunger Juden auf dem Marktplatz.

Bad Wildungen - Aus Norwegen, den USA und aus Argentinien reisten Nachfahren ehemaliger Bad Wildunger Juden zu einer Ausstellungseröffnung in die Badestadt.

„Es war eine liebevolle Familie, die glücklich und in Frieden lebte, bis Hitler an die Macht kam“, steht in großen Buchstaben auf der Titel-Seite eines Begleitheftes zur Ausstellung im Stadtmuseum unter dem Titel „Ehemalige Bad Wildunger Juden und ihre Kinder im Interview“.

Heimatforscher Johannes Grötecke hat für die Ausstellung Interviews mit ehemaligen jüdischen Mitbürgern und ihren Kindern geführt. Sechs Interviewpartner waren zur Eröffnung gekommen:

Ruth Baruch aus Israel, Eva Flörsheim aus Norwegen, Leslie Floyd und Richard Oppenheimer aus den USA, Monica Grünebaum aus Argentinien und Daniel Kaufmann aus Hessen. Nach einem Empfang im Rathaus sagte Bürgermeister Volker Zimmermann in der Stadtbücherei, die Besucher wandelten auf den Spuren der Geschichte ihrer Familien, die von schlimmen Umständen geprägt worden sei.

Geschichte sei nicht nur Vergangenheit, „Geschichte ist jetzt“, betonte der Bürgermeister. Es gehe darum, Lehren zu ziehen und Antworten darauf zu suchen, was damals in Hitler-Deutschland geschehen sei. Zimmermann sagte: „Das darf nie wieder geschehen, und allen Anzeichen einer solchen Entwicklung müssen wir alle entschlossen entgegentreten.“

Johannes Grötecke, Initiator der Ausstellung, erinnerte an 140 Juden, die in 40 Familien in Bad Wildungen lebten. Der Hälfte sei die Flucht in andere Länder gelungen, die anderen seien in Konzentrationslagern ermordet worden. Nach wie vor blieben großes Leid und die Frage: Wie gehen wir mit den Nachfahren der Überlebenden um?

Die Ausstellung blicke in Vergangenheit und Gegenwart. Die zentrale Frage laute: Wie können wir eine Gesellschaft bauen, die friedlich und tolerant ist? Die Ausstellung dokumentiere auch Gefühle - viele Juden sprechen kein Wort Deutsch und betreten keinen deutschen Boden. Sie zeige Trauer - mit Blick auf die Stolpersteine. Und sie dokumentiere Heimatliebe - Freddy Hirsch kommt seit Ende des Krieges immer wieder zum Viehmarkt, um das Waldecker Lied mitzusingen.

Grötecke berichtete, dass die Torarolle aus der Bad Wildunger Synagoge nicht - wie bisher geglaubt - zerstört wurde, sondern vor der Kristallnacht in Sicherheit gebracht, sie befinde sich heute in Bolivien. Die Ausstellungseröffnung wurde von Renate und Roland Häusler mit Mandoline und Gitarre begleitet. Das Ehepaar aus Guxhagen sang jiddische Lieder wie „Kinderjahre“ (Oi, wie schnell bin ich schon alt geworden) und bekannte Schlager des jüdischen Komponisten Robert Gilbert (Robert David Winterfeld, 1899-1978) wie „Bei mir bist du scheen“.

Die Ausstellung im Stadtmuseum in der Lindenstraße ist bis Sonntag, 11. November, dienstags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Die nächsten Stolpersteine werden von Gunter Demnig am Samstag, 20. Oktober, verlegt. Treffpunkt: 16 Uhr, Marktplatz.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare