Lässt sich die Kurgeschichte nur in einer Richtung interpretieren?

Die Ausstellung "101 Häuser, die es nicht mehr gibt" und die Wildunger Kurhausfrage

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Das von Andreas Pockrandt gebaute Modell des alten Kurhauses: Das Vorbild stand mit dem Hotel „Europäischer Hof“am Ende des 19. Jahrhunderts auf dem heutigen Kurhausgelände.

Bad Wildungen. Die Ausstellung „101 Häuser, die es nicht mehr gibt“ im  Quellenmuseum läuft bis zum 26. August. Sie  ist aufgeladen mit aktueller stadtpolitischer Bedeutung – unter Hinweis auf den öffentlich hitzig diskutierten Abriss des Kurhauses zu Gunsten eines neuen Hotels.

Welche Schlüsse ziehen die Ausstellungsmacher mit Blick auf die Kurhausdebatte aus dem Inhalt von „101 Häuser, die es nicht mehr gibt"?

Die Ausstellung soll „einen behutsamen Umgang mit Bestehendem anmahnen, der denkmalpflegerische Aspekte berücksichtigt.“Das schreibt Museumsleiter Bernhard Weller im Begleitkatalog. Architekt Bernd Gehring vom Team der Ausstellungsmacher will das, wie Weller, nicht zuletzt verstanden wissen als Statement gegen den öffentlich hitzig diskutierten Abriss des heutigen Kurhauses zu Gunsten eines Hotels. Das erläuterte Gehring in seiner Einführung bei der Ausstellungseröffnung Mitte Mai .

Lässt sich diese Haltung als einzige Konsequenz aus der in der Ausstellung dokumentierten Geschichte des Kurviertels und seiner Architektur herauslesen?

Nein. Eine eingehende Betrachtung der Fotos, Modelle und Begleittexte lässt viele Interpretationen zu – sogar bis hin zu der These, dass die Ausstellung stichhaltige Argumente für den Abriss des heutigen Kurhauses und den Bau eines Hotels an exakt dieser Stelle liefert.

Wie präsentierte sich das heutige Kurhausgelände zur großen Zeit der Wildunger Kur Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts?

Zwei mehrgeschossige, massive Bauten von 18 bis 19 Metern Höhe prägen die damalige Szene; kein langer, flacher Komplex wie das heutige Kurhaus. Das, von oben gesehen, erste Gebäude auf dem Gelände, direkt an der heutigen Langemarckstraße, war das Hotel „Europäischer Hof“, So hieß es laut Ausstellungskatalog nach der Aufstockung 1883. Hervorgegangen war es durch mehrere Auf- und Ausbauten aus dem ersten Wildunger Gasthaus außerhalb der Stadtmauern, das 1798 errichtet wurde. Der „Europäische Hof“ brachte es auf rund 30 Meter Länge. Direkt unterhalb schloss sich ab 1890 das neu gebaute Kurhaus an, noch etwas höher und 73 Meter lang. Es lag rund 20 Meter von der Straße zurück und war über einen Arkadengang mit dem „Europäischen Hof“ verbunden. Eine Baumreihe an der Straße grenzte die Sicht auf das Kurhaus ein. Tatsache ist, dass zur Blütezeit der Wildunger Kur über mehr als 100 Meter Länge auf dem heutigen Kurhausgelände zwei hohe Bauten das Bild dominierten: das Hotel und das Kurhaus als gesellschaftlicher Mittelpunkt.

Was bedeutet das für die aktuelle Diskussion um den Kurhausabriss?

Dass ein Hotel-Neubau an dieser Stelle an die Tradition und die Geschichte des Kurviertels anknüpfen kann – sowohl was das gesamte Erscheinungsbild dieses Areals angeht als auch dessen Nutzung. Die Betreiber des geplanten Hotels wollen ihr Haus erklärtermaßen zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt machen. Daran und an einer angepassten Architektur müssen sie sich messen lassen. Die von Bernd Gehring und anderen Gegnern des Projekts kritisierten Grundabmessungen von 90 Metern Länge und 22 Metern Höhe stellen – vor dem historischen Hintergrund des Areals – die Verhältnisse nicht auf den Kopf. Im Gegenteil: Ein Hotelprojekt wiederholt in gewisser Weise auch die historische Entwicklung auf der anderen Straßenseite.

Welche Erkenntnis vermittelt der Blick auf die Entstehungsgeschichte des „Fürstenhofes“?

Die Ausstellung zeigt in Bild und Text, welches Gebäude an der Stelle stand, an der sich heute der Fürstenhof befindet: der „Kursaal“, ein relativ flach wirkender, lang gestreckter Backsteinbau. Dort tanzten die Kurgäste und trafen sich zu anderen kulturellen Veranstaltungen. Der Kursaal wurde um die Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert abgerissen, um Platz zu schaffen für den Bau des Hotels „Fürstenhof“. Nicht überliefert ist wohl, wie damalige Wildunger über den Abriss des Kursaals dachten, wie und wo sie öffentlich darüber diskutierten.

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