Ausstellung in Bad Wildungen geht am Sonntag zu Ende

101 verschwundene Häuser wecken bei Vielen Erinnerungen

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Die alte Wildunger Post als Modell von Andreas Pockrandt: Viele Wildunger bedauern, dass diese Architektur verschwunden ist.

Bad Wildungen. Die Sonderausstellung „101 Häuser, die es nicht mehr gibt“ läuft noch bis einschließlich nächsten Sonntag, 26. August, im Quellenmuseum der Wandelhalle. Letzte Gelegenheit somit, einen Blick in ausgewählte Kapitel der Wildunger Architekturgeschichte zu werfen.

Die Ausstellung erfreut sich seit ihrer Eröffnung Mitte Mai großen Zuspruchs. Die Ausstellungskataloge gingen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.

Die Tankstelle Lattemann

Die Besucher ihrerseits steuerten manche Anekdoten bei. „Die meisten reagierten auf die frühere Tankstelle Lattemann mitten auf der Brunnenallee“, berichtet der Modellbauer Andreas Pockrandt. Er arbeitete über etliche Wochen der Ausstellung live am Modell der abgerissenen „Villa Goecke“, der früheren Kurverwaltung. Wieder und wieder sprachen ihn Gäste an und erzählten. „Eine Dame erinnerte sich, wie ein Fahrprüfer versuchte sie anzugraben. Als sie ihn zurückwies, ließ er sie an der Tankstelle durchfallen“, berichtet Pockrandt. Andere Besucher haben bis heute bestens im Gedächtnis, wie sie auf dem engen Gelände der Tankstelle Sorge hegten, eine der Zapfsäulen umzufahren.

Die „Eiserne Villa“

Bei vielen Ausstellungsbesuchern weckte Pockrandts Modell von der früheren Kurverwaltung lebhafte Erinnerungen. Die „Villa Goecke“, im Volksmund wegen ihrer Fassade auch „Eiserne Villa“ genannt, wurde 1880 gebaut und 1976 abgerissen. Sie wich dem Schwimmbad für den „Fürstenhof“, das selbst schon wieder Vergangenheit ist.

Ehemalige Beschäftigte der Kurverwaltung berichteten Pockrandt, wie es in der Villa unter der Ägide des Oberbaurates Rappold zuging. Er konzipierte unter anderem den gläsernen Anbau der Wandelhalle, das Kurpark-Café oder die Passage gegenüber dem „Fürstenhof“. Er muss ein cholerisches Temperament an den Tag gelegt haben, gibt Pockrandt die Reaktionen von früheren Beschäftigten wider, die in die Ausstellung kamen: „Seine Wutausbrüche hallten demnach durchs ganze Haus.“ Die rund 24 Büros waren spartanisch eingerichtet bei einer Größe von je 16 bis 18 Quadratmetern. Wie viele Mitarbeiter sich ein solches Zimmer teilten, ist heute nicht mehr bekannt. „Nur, dass es für alle Beschäftigten ein einziges WC mit einem Waschbecken im Anbau gab“, fügt Pockrandt hinzu.

Die Wildunger Post

Der Nachbau der Wildunger Post, die bereits in den 1950er- Jahren arg verändert wurde, löste bei vielen Gästen besonderes Bedauern aus. Die ursprüngliche Architektur des Gebäudes begeistert sie. Tragisch: Beim Umbau in den 50ern stürzte ein Dachdecker von einem Gerüst in den Tod. Die Kriminalpolizei zeichnete auf dem Original-Bauplan, der ebenfalls zu sehen ist, den vermutlichen Hergang des Unglücks ein und fügte handschriftliche Erläuterungen hinzu, die bis in die heutige Zeit erhalten geblieben sind.

Das alte Kurhaus

Das Modell des alten Kurhauses, das ebenfalls von Andreas Pockrandt stammt, erzeugte bei manchen Gästen sehr gemischte Gefühle. „NSDAP-Veranstaltungen fanden in ihm statt. Während der amerikanischen Besatzungszeit befand sich dort ein Post Exchange der US-Armee“, erzählt er. Die Kinder von damals erinnern sich an Kaugummis oder Schokolade, die sie von den Soldaten erhielten – doch nicht nur daran.

„Eine Frau hielt beim Anblick des Modells die Hand vor den Mund und sagte: Ich hatte gehofft, dieses Haus nie wieder sehen zu müssen“, berichtet Pockrandt. Die Amerikaner hätten den Wildunger Schulkindern nach Kriegsende im Kino die Aufnahmen von der Befreiung der Konzentrationslager gezeigt. Von der Schulbank weg seien sie ins alte Kurhaus geführt worden. Schocktherapie als Mittel der Entnazifizierung. „Die Dame erzählte mir, sie habe als Kind Wochen nicht schlafen können“, ergänzt Andreas Pockrandt.

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