Morgenspaziergänge von Mensch und Vogel

Bad Wildunger schließt Freundschaft mit wild lebendem Fasan

Bernhard Schäfer mit einem wild lebenden Fasan.
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Guten Morgen: Bernhard Schäfer begrüßt den Fasan, seit zwei Monaten sein täglicher Begleiter auf dem Spaziergang.

Freunde sind Familie, die man sich aussucht, heißt es. Kann ein wild lebender Fasan eine solche Auswahl treffen und sich aus Lust und Laune für einen Menschen entscheiden?

  • Bernhard Schäfer hat in Odershausen bei Bad Wildungen Freundschaft geschlossen mit einem wild lebenden Fasan
  • Jeden Morgen um 8 Uhr unternehmen der Mensch und der Fasan in Odershausen bei Bad Wildungen einen gemeinsamen Spaziergang
  • Andere Menschen lässt der Fasan bei Bad Wildungen nicht näher an sich heran, einem Filmteam des hr zeigte er sich gar nicht

Odershausen – Was Bernhard Schäfer aus dem Bad Wildunger Stadtteil Odershausen seit rund zwei Monaten auf seinem täglichen Morgenspaziergang widerfährt, wirft diese Frage unweigerlich auf. Wobei – die Antwort erscheint eigentlich unwichtig. Das Erlebnis zählt. „So etwas vergisst man im Leben nicht“, sagt Schäfer.

Jeden Morgen dreht er nach dem Frühstück und vor Arbeitsbeginn im Homeoffice zu Fuß seine Runde durch Feld und Flur des Bad Wildunger Stadtteils Odershausen. In der Nähe eines ausgedehnten Weißdorn-Dickichts entdeckte der Kultur- und Naturfreund im März einen farbenprächtigen Fasan, einen Hahn. „Er nahm gerade ein Sandbad“, erinnert sich Schäfer.

Erste Begegnung mit weiblichem Fasan nahe Odershausen bei Bad Wildungen

Der kupfern schimmernde Fasan erschien Schäfer nicht völlig wie Kai aus der Kiste, denn wenige Tage zuvor war der Naturfreund in der Nähe einem weiblichen Fasan begegnet, wie bei anderen Hühnervögeln Henne genannt. „Ich kam von der einen Seite des Feldweges, von der anderen Seite ein Auto. Wir stoppten beide wegen der Fasanenhenne“, erzählt Bernhard Schäfer. Das Tier habe Auto und Fußgänger kurz gemustert, dann den Weg zügig, doch ohne Hast überquert und sei im Buschwerk verschwunden.

Der weibliche Fasan kam Schäfer bisher kein weiteres Mal unter die Augen. Ganz anders der männliche Fasan. Welchen Eindruck der Spaziergänger auch immer erweckte, als er den Fasan beim Sandbaden entdeckte – Bernhard Schäfer verhielt sich offenbar so, dass der farbige Vogel auf den ersten Blick Vertrauen fasste.

Fasan begründet Ritual mit menschlichem Begleiter in Odershausen bei Bad Wildungen

Denn schon am nächsten Morgen begründete der Fasan ein Ritual zwischen den beiden, das sie seitdem täglich vollziehen. „Wenn ich in sein Revier komme, verlässt er die Deckung und schließt sich mir auf meinem Spaziergang an“, schildert Schäfer.

Der Fasan begleitet den Menschen, ahmt dessen Bewegungen nach, schwenkt nach rechts, wenn Schäfer es tut, verschmäht die Links-Volte im Anschluss nicht. Manchmal schreitet er etwas voraus oder lässt sich leicht fallen. Ab und zu rückt der Vogel gar hautnah an das weitaus größere Wesen heran. „Er hat mich schon in die Beine gezwickt“, beschreibt es der Odershäuser.

Zum Abschied ruft der Fasan jedes Mal seinem menschlichen Freund hinterher

Im Zweifel hält er den zudringlichen Freund mit einem Stock auf Abstand. Der Fasan quittiert dieses Zurechtweisen gelegentlich, in dem er sich aufrichtet, aufplustert und mit den Flügeln schlägt.

Ein Prachtkerl: so nah darf ihm nur Bernhard Schäfer mit dem Objektiv kommen.

Lässt Bernhard Schäfer auf dem Rückweg nach Hause in Odershausen bei Bad Wildungen die Reviergrenzen seines gefiederten Satelliten hinter sich, reagiert der Fasan mit seinem arttypischen Ruf, den Experten als „Go Gock“ lautmalen.

Vor anderen Menschen hütet sich der Fasan bei Bad Wildungen

Nüchtern urteilende Vogelkundler mögen im zweisamen Morgenspaziergang fehlgeleitetes Balzverhalten erkennen. Die Männchen der Fasane stecken im Frühjahr ein Revier ab und werben um Hennen, die es durchqueren. Wirkt er überzeugend, bilden irgendwann in der Regel zwei bis drei Weibchen den Harem des Fasans. Wer weiß, ob in der hiesigen Gegend genug Fasanendamen für diese Ansprüche unterwegs sind?

Das Folgen und der Fasanenruf passen zum Balzverhalten. Weitere Elemente des typischen Werbens legt der Hahn gegenüber Bernhard Schäfer aber nicht an den Tag. Und: „Andere Menschen akzeptiert er offenbar nicht, auch meine Frau nicht“, erzählt der Odershäuser mit einem Schmunzeln.

Einem Fernsehteam des hr zeigte sich der Fasan bei Bad Wildungen ebenfalls nicht

Kommen andere Lustwandelnde, gar Frauchen oder Herrchen mit Hund, näher als auf 50 bis 100 Meter heran, verzieht sich der Fasan vorsichtshalber in seine dornige Deckung.

Der große rote Gesichtslappen verrät, dass es sich um ein gestandenes, älteres Fasanenmännchen handelt.

Ein Fernsehteam des Hessischen Rundfunks, das Ende vergangener Woche mit Bulli, Kamera- und Mikrofonleuten zur Aufnahme des Spektakels anrückte, bekam den Fasan bei Bad Wildungen trotz geduldigen Wartens und Umherstreifens mit Bernhard Schäfer nicht zu Gesicht.

Freundschaft zwischen Fasan und Mensch von begrenzter Dauer

Der Menschenfreund des Fasans genießt diese besondere Beziehung in dem Bewusstsein, dass ihr eine wohl sehr begrenzte Dauer beschieden ist. „In freier Wildbahn werden Fasane meist nur zwei bis drei Jahre alt“, hat der Buchhändler nachgelesen.

Und dann wäre da noch diese Angewohnheit der Fasanenherrschaften. Sobald ihre Hennen brüten, betrachten die Männchen der Fasane den eigenen Job als getan, beschreibt die herrschende Lehrmeinung. Sie geben ihr Revier auf, das sie etwa ab März für rund zwei Monate verteidigen, und trollen sich. Das bedeutet also: Die Stunde der Wahrheit rückt näher, was die ungewöhnlichen Freundschaftsbande zwischen Tier und Mensch in Odershausen bei Bad Wildungen betrifft. (Matthias Schuldt)

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