Seit 2010 läuft Projekt Deutsch-Förderung für Kinder aus Migrantenfamilien am GSG

Barrieren in der neuen Heimat nehmen

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(Vorne von links) Olga Asegova, Lolita Mustafina, Samentha Dabare, Andrey Marinov, (hinten von links) Schulleiterin Dagmar Ipach, Felix Dabare, Harold Cordoba und Nelli Dumanski.

Bad Wildungen - An einen ihrer ersten Tage im deutschen Schulalltag kann sich Lolita Mustafina noch gut erinnern. Damals verstand die junge Zuwandererin aus Kasachstan kaum ein Wort - nahm aber an der Theatergruppe des Stresemann-Gymnasiums teil.

„Weil ich kein Deutsch konnte, sagte unsere Lehrerin zu den anderen, sie sollen mir ohne Worte etwas erzählen“, berichtet das Mädchen. Pantomime in der Theater-AG überwand damals die Sprachbarriere Russisch-Deutsch.

Inzwischen ist Lolita dabei, dieses Hindernis endgültig zu nehmen, indem sie Deutsch gelernt hat und sich vorbereitet auf ein Sprachdiplom, gemeinsam mit einer ganzen Gruppe von Schülerinnen und Schülern „mit Migrationshintergrund“, wie es im Amtsdeutsch umständlich heißt.

Sie werden gebraucht

In anderen Ländern spricht man schlicht von Einwanderern und spätestens die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung haben gezeigt, wie dringend die schrumpfende, deutsche Gesellschaft diese jungen, motivierten Leute braucht. Die hessische Landesregierung unterstützt deshalb das Pilotprojekt „Deutsches Sprachdiplom“ am Wildunger Gymnasium (siehe „Hintergrund“).

Neu anfangen in einem Land, dessen Sprache du kaum oder gar nicht beherrschst - und sich trotzdem zurechtfinden in Mathematik, Biologie, Chemie und Co. Eine Herausforderung. „Ich war vor meinem ersten Tag sehr aufgeregt“, sagt Olga Asegova, Lolitas Cousine. Das GSG erschien ihr sehr groß im Vergleich zu den Schulen, die sie aus Kasachstan kannte. Ein wenig half ihr, dass sie dort zuvor in einem Chor gesungen und deutsche Lieder gelernt hatte. In Bad Wildungen wurde sie zunächst von Mitschülern unterstützt, die Russisch können und vieles aus dem Unterricht für sie übersetzten. Parallel lernte Olga im Zuge des Projekts Deutsch.

Sondersitzung in den Ferien

Darauf, dass jemand für sie übersetzen könnte, brauchten Samentha Dabare und ihr Bruder Felix nicht zu hoffen. Singhalesisch konnte am Gymnasium niemand und so legte das Geschwisterpaar aus Sri Lanka in den Weihnachtsferien Sonderschichten in Deutsch ein bei Nelli Dumanski. Sie ist beim GSG als Lehrerin für Kinder aus Zuwandererfamilien angestellt. Der spezielle Unterricht für Samentha und Felix war damals zwar anstrengend - täglich von morgens bis in den Nachmittag, während die deutschen Mitschüler Ferien hatten - „aber es war auch sehr lustig“, erinnert sich das Mädchen. Nelli Dumanski zeichnete viele Vokabeln auf, um sie den Geschwistern beizubringen.

An das Wandern zwischen zwei Sprachwelten haben sich die Mädchen und Jungen gewöhnt, denn mit den Eltern zu Hause unterhalten sie sich mal in der Muttersprache, mal auf Deutsch. Kurioses bleibt nicht aus, wenn Andrey Marinov aus Bulgarien zum Beispiel für einen deutschen Schulaufsatz Redewendungen aus dem Bulgarischen wörtlich übersetzt. Als er in der Klasse vorlas, schauten ihn die Mitschüler „so ungefähr an“, erzählt er und macht dabei große Augen. So, als würde man einem Engländer das deutsche „Du bist schwer auf dem Holzweg“ mit „You are heavy on the woodway“ übersetzen.

Damit nicht genug, mussten sich Andrey, Olga oder Lolita auch von der kyrillischen Schreibweise auf die lateinischen Buchstaben umstellen. Da rutscht hier und da ein falscher Buchstabe in den geschriebenen Text. Andrey hat zudem Angst, das Kyrillische nach und nach zu vergessen, wie er berichtet. Stolz ist er aber darauf, „dass mein Vater schon etwas Deutsch konnte, als wir hierher kamen und mir deshalb half. Heute verbessere ich ihn, wenn er etwas falsch sagt.“

Diplomprüfung im März

Das deutsche Sprachdiplom im März ist das nächste Etappenziel für die zugewanderten Schülerinnen und Schüler, die in die fünfte bis neunte Klasse gehen und vor ein bis zwei Jahren ihren Weg in der neuen Heimat begannen. Was sie später, nach dem Abitur einmal tun wollen? Ingenieurin, Architektin, Anwältin, Ärztin werden oder einen Beruf ergreifen, der mit Autos zu tun hat. Beide Seiten werden davon profitieren, wenn die Jugendlichen die Chance erhalten, ihre Träume zu verwirklichen - sie selbst und das Land, in das sie und ihre Familien gekommen sind. (su)

Hintergrund

„Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund/Deutsches Sprachdiplom“ heißt das Pilotprojekt, das die Landesregierung seit 2010 am GSG mitfinanziert. Zwei heimische Serviceclubs unterstützen das Modell durch Spenden. Nelli Dumanski gibt Kindern aus Zuwandererfamilien Deutsch-Unterricht, um ihnen den Anschluss an den Gymnasialunterricht zu erleichtern.

2012 wurden die Wildunger ins Pilotprojekt „Deutsches Sprachdiplom 1“ der Kultusministerkonferenz aufgenommen. Darüber hinaus engagieren sich Lesepaten aus dem Mehrgenerationenhaus für die Schüler. Das Projekt eröffnet zudem neue Förderchancen für Kinder und Jugendliche, die ausländische Wurzeln haben und länger in Deutschland leben.

Austauschschüler können ebenso Prüfungen im Rahmen des Projekts ablegen. Das Sprachdiplom erstreckt sich auf Lese- und Hörverstehen oder das Äußern und Einordnen von Meinungen.

Lehrerin Nelli Dumanski ist begeistert und überzeugt von dem Modell, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung. Ihre Familie kam mit der beinah erwachsenen Tochter vor vielen Jahren nach Deutschland. Die Tochter ging ans Gymnasium und ließ sich Russisch als erste Fremdsprache anerkennen – bis der einzige Russischlehrer die Schule verließ. Einige Zeit stand sie vor dem Aus, doch dann fand sich eine Lösung in Kooperation mit einer Korbacher Schule. „Es war immer ein Kampf und deshalb ist es gut, dass es heute die Förderung gibt, die meine Tochter vermisste“, sagt Nelli Dumanski.(su)

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