Wega ist überall im Landkreis

Bedürfnissen von Fußgängern endlich Vorrang einräumen

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Bad Wildungen - Wie kommt der Mensch zur Welt? Nackt mit zwei strampelnden Beinen oder in einer Blechdose auf vier Rädern? Verkehrsbehörden und Polizei im Landkreis gehen anscheinend von der zweiten Variante aus

„Absoluter Vorrang für den fließenden Verkehr – das ist ein Witz“, flüchtet sich Wegas Ortsvorsteher Franz Berghoff nach dem jüngsten Coup der Bürokraten in Sarkasmus. Die Beamten aus Verkehrsbehörden und Ministerium verkehrten die Zusagen ins Absurde, die Staatssekretär Saebisch kürzlich an Ort und Stelle den Bürgern zur Verkehrsberuhigung gab. Die Stadt und der Ortsbeirat sollten an den Beratungen beteiligt, die Wünsche der Einwohner vorrangig in die fest versprochene Lösung eingearbeitet werden. Statt dessen trafen sich Vertreter von Polizeibehörde, Regierungspräsidium, Kreisverkehrsbehörde und Ministerium heimlich, still und leise, ohne Wissen der lokal Verantwortlichen, zum Ortstermin in Wega – morgens zu einer Zeit, in der kaum Verkehr herrscht. Dabei sprachen sie sich ab, ohne störende Einflüsse seitens der Bürger. Dann setzten sie kurzfristig und ohne Alternative einen Termin in Kassel an, zu dem Bürgermeister und Ortsvorsteher nicht konnten. Wildungens Ordnungsamtsleiter Martin Segeler und zwei Mitglieder des Ortsbeirates fuhren ins Regierungspräsidium und „fühlten sich wie auf der Anklagebank“, gibt Franz Berghoff die Atmosphäre wieder, die ihm von diesem Gespräch geschildert wurde. Das Ergebnis: Für Wega komme allein eine Verkehrsinsel in Frage und auch die nur, wenn die Stadt die mehr als 50 000 Euro an Investitionen selbst zahlt. Geschwindigkeitsbegrenzung auf 40 Stundenkilometer, eine (vom Ortsbeirat favorisierte) Schlafampel; das lehnten die Bürokraten unter Verweis auf zu geringe Verkehrszahlen – wie gewohnt – ab. Zufall? Die Verkehrsinsel stellt die mit Abstand teuerste Lösung dar. Eine Schlafampel würde rund 20 000 Euro kosten. Seit Jahren dieselben Totschlagargumente, schimpft Berghoff: „Den Autofahrern ist es laut Polizei nicht zuzumuten, dass sie langsamer fahren oder an einer Ampel halten, aber Kindern und Alten kann zugemutet werden, über die Straße zu hüpfen.“Der Ortsvorsteher erzählt ein Erlebnis aus diesen Tagen. Ein kleines Grundschulmädchen sitzt auf dem Dorfplatz und weint. Sie kann nicht nach Hause, sagt sie Berghoff auf Nachfrage. Es stellt sich heraus, dass die Kleine eine Stunde früher Schulschluss hatte und auf Geheiß ihrer Mutter nicht alleine die Ederstraße überqueren soll, sondern nur an der Hand der Mama. „Die Straße ist in beide Richtungen einen Kilometer weit einzusehen – das sagen uns die Behörden immer. Trotzdem haben Eltern und alte Leute Angst“, unterstreicht Berghoff. Sonderbar: In Wega argumentiert die Polizei mit Fernblick. Bei anderen Gelegenheiten steckt sie junge Fahrer in „Altersanzüge“, die Beweglichkeit und Sinneswahrnehmungen einschränken, damit die jungen Leute hautnah erleben können, wie sich Senioren fühlen, und entsprechend Rücksicht auf ältere Fahrer nehmen. Lebensqualität erheblich eingeschränkt Auch Fußgänger unterliegen im Alter Einschränkungen, und daraus resultiert Unsicherheit beim Überqueren einer Straße. Kinder wie Alte; aus Unerfahrenheit oder Unsicherheit heraus trifft jemand irgendwann an der Ederstraße die falsche Entscheidung, fürchten die Wegaer. „Diese Atmosphäre bedeutet eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität im Dorf“, sagt Berghoff. Bürgermeister Volker Zimmermann und Ordnungsamtschef Martin Segeler sehen das ebenso. Sie wollen das Thema deshalb auf diese Ebene der Politik heben, abseits der Paragrafen- und Datenreiterei. „Wir müssen weg von der Diskussion um Verkehrszahlen, hin zur Debatte darüber, was das Leben in einem Dorf lebenswert macht und erhält“, meint Zimmermann. Die Stadt sei bereit, sich finanziell an einer Lösung des Problems in Wega zu beteiligen. „In diesem Punkt müssen und werden auch die Stadtverordneten springen, trotz angespannter Haushaltslage“, erwartet Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nawrotzki. Wega steht mit diesem Problem und diesem Thema nicht allein im Landkreis. Rhena, Lelbach oder Meineringhausen sind weitere Beispiele für das Phänomen. Eine Aufgabe für Landrat Dr. Reinhard Kubat, der bei vielen Gelegenheiten dafür wirbt, die Dörfer attraktiv zu gestalten, damit die Abwanderung in die Städte gestoppt wird.Schöne Grüße schickt vor diesem Hintergrund die Stadt München an alle Amtsstuben in „Hinterwald“. Die bayrische Metropole arbeitet aktuell an einem neuen Verkehrskonzept für die Innenstadt. Die Fußgänger sollen Vorrang erhalten vor dem fließenden Verkehr: In München kommen Babys offenbar nicht länger in einer Blechdose auf vier Rädern zur Welt.

Von Matthias Schuldt

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