Waldecks Altbürgermeister Erich Dreyer feiert seinen 90. Geburtstag

Beim Amtsantritt Hindenburg abgesetzt

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Waldeck/Reinhardshausen - Erich Dreyer war der letzte Bürgermeister der selbstständigen Gemeinde Waldeck und der erste Rathauschef der fusionierten Großgemeinde. Knapp 30 Jahre nach seinem Abschied aus dem Amt verfolgt der Ruheständler noch immer aufmerksam und kritisch die Kommunalpolitik. Heute wird er 90 Jahre alt.

„Die Zeiten haben sich geändert“, sagt Erich Dreyer und meint damit das politische Klima in Deutschland. „Früher wollten die Politiker das Land voranbringen - heute geht es nur noch um die Karriere.“

Ganze 90 Reichsmark im Monat verdient der junge Erich Dreyer beim Sortieren von Karteikarten, kurz nachdem er schwer an Händen und Armen verwundet aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt ist. Durch Zufall gelangt er zur Kriegsgräberfürsorge, erfasst in Italien Gräber von deutschen Kriegstoten. Ende der 1950er-Jahre sollen alle Gemeinden mit mehr als 1500 Einwohnern einen hauptamtlichen Bürgermeister beschäftigen. Auch Waldeck schreibt die Stelle aus. Dreyer beherzigt den Ratschlag eines Landtagsabgeordneten und bewirbt sich in der 1900-Einwohner-Stadt. Dort hat er 1939 mit seiner Mutter einen Urlaub verbracht.

Wahlversprechen am Geburtstag eingelöst

Am Wahltag im Dezember 1960 ist Dreyer auf Dienstreise und erfährt er erst nach der Rückkehr, dass er vom Parlament gewählt ist. „Mein damaliger Mitbewerber Adolf Voigt aus Waldeck war später einer meiner besten Mitarbeiter. Er hat sich für die Stadt Waldeck aufgeopfert.“ Am 1. April 1961 ist Dienstantritt im Rathaus. „Ein altes Fachwerkhaus, da, wo heute die Eisdiele ist - furchtbar einfach und primitiv.“ Ein Bild von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (1847 - 1934) ziert noch die Wand. Mangels Aktualität hat Dreyer es sofort abgenommen.

Erste Projekte in der Amtszeit des neuen Bürgermeisters sind Straßenbau und -beleuchtung. An seinem Geburtstag 1963 löst Dreyer ein Wahlversprechen ein: Die neue Schule wird eingeweiht. Im Zuge der Altstadterneuerung werden fünf Häuser abgerissen, 1964/65 entsteht ein neuer Marktplatz. Kurz danach: Sportplatz, zwei Kläranlagen mit Sammelleitungen, außerdem werden sieben Kilometer Feldwege geteert. „Und das alles in rund zehn Jahren.“ Auf dem neu angelegten Flugplatz erlernt der ehemalige Fallschirmspringer das Segelfliegen.

Dann kommt die Gebietsreform und die Geburtsstunde der Großgemeinde Waldeck schlägt. „Wir sind fast schuldenfrei eingestiegen“, merkt Dreyer an. Gemeinsam mit dem Höringhäuser Bürgermeister Emmeluth und dem Stadtverordneten Ammenhäuser aus Nieder-Werbe wird der Grenzänderungsvertrag verfasst. „Streit gab es um den Verwaltungssitz.“ Dreyer ist gegen Waldeck, weil es am Rande der Großgemeinde liegt, und votiert für Sachsenhausen. „Da habe ich mir tüchtig Ärger eingehandelt, aber es war die richtige Entscheidung.“

Drei Menschen unterstützen ihn maßgeblich dabei, die Großgemeinde zusammenzuführen: Aus Waldeck Stadtrechner Karl-Heinz Meusel, aus Sachsenhausen Stadtrechner Hubert Strehlau und Sekretärin Ursula Knüppel.

Zwei der heute zehn Stadtteile sind nicht freiwillig gekommen, sondern wurden per Gesetz eingemeindet. „Freienhagen wollte selbstständig bleiben“, weiß Dreyer noch genau. Der Ort kam „mit einem Berg Schulden, aber mit einem großen Waldbesitz“ in die neue Kommune. Mit 2500 Hektar Wald wurde Waldeck damit Hessens größter Waldbesitzer. „Das Holz hat unserem Haushalt sehr geholfen“, gibt der Altbürgermeister zu.

Parteibuch zurückgegeben

„Ein kolossales Eigenleben“ führte laut Dreyer auch das Dorf mit der Klosterruine - einst zweigeteilt in Ober-Werbe und Oberwerba. Dort ist der Zusammenschluss in der Großgemeinde bis zuletzt kein Thema, weiß Dreyer noch, „man meinte wohl, man könnte für alle Ewigkeiten selbstständig bleiben“. 1974 schert auch der heutige 170-Einwohner-Ort in die Großgemeinde Waldeck ein.

Die Reform räumt unter anderem mit den verworrenen Grenzen am Edersee auf. „Kurios war zu Beispiel, dass das Vorbecken in Nieder-Werbe zu Hemfurth gehörte.“ Viel Pionierarbeit ist zu leisten in der 9000 Einwohner zählenden Kommune, einer der Schwerpunkte in Dreyers Amtszeit ist der Umbau des Marktplatzes.

Der Rathauschef schwört auf die preußischen Tugenden. „Pünktlichkeit ist für mich das A und O.“ Sein Motto: „Ehrlich durch die Welt gehen.“ Das bewegt ihn, nachdem er „auf sanften Druck“ in die SPD eingetreten ist, auch zur Rückgabe des Parteibuchs. „Ich hatte den Eindruck, dass mich die Politik beeinflussen wollte in meinen Entscheidungen.“

Am 31. März 1983 scheidet Dreyer aus dem Amt aus. Bis heute begleitet er aufmerksam das politische Geschehen und teilt nicht immer die Meinung der Mehrheitsfraktionen. „Die Eisenbahn von Korbach nach Frankenberg - das ist der größte Witz.“

Drei „Weihnachtsengel“ in Bad Wildungen

Seinen Ruhestand hat der Altbürgermeister und leidenschaftliche Schwimmer bis vor drei Jahren in seinem Haus in Waldeck mit Blick auf den Edersee genossen. Inzwischen lebt der Witwer in einem Seniorenheim in Reinhardshausen.

In der Adventszeit kurz vor seinem 90. Geburtstag trifft er in Bad Wildungen drei „Weihnachtsengel“. Erich Dreyer rutscht auf dem Weg zum Friseur im Kaiserhof auf einer Eisscholle aus und schlägt sich den Kopf auf. Passanten gehen achtlos vorbei. Da stoppt plötzlich ein Wagen: Drei junge Leute leisten sofort Hilfe, versorgen notdürftig seine Platzwunde und bringen ihn ins Krankenhaus. „Das hat mich sehr, sehr bewegt“, sagt Dreyer dankbar.

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