Jazz-Oratorium von Duke Ellingteon begeistert Publikum im Reinhardshäuser Gotteshaus

Beim Jazz in der Kirche steppte nicht nur der Bär

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Bad Wildungen - Swingende Lukaskirche am Samstagabend! Die Kirche war komplett besetzt – auch im Vorraum saßen noch Besucher – als 60 Sängerinnen und Sänger des Gospelchores „Joy of Life“ der kurhessischen Kantorei Marburg das Spiritual „Freedom is coming“ auf den Lippen in die Kirche einzogen.

So waren die Konzertbesucher sogleich von Anfang an vortrefflich auf Duke Ellingtons Jazz-Oratorium „Sacred Concert“ eingestimmt. Nach einer „Ouvertüre“ mit den Ellington-Titeln „Deep river“, „Sophisticated Lady“ und „It don`t mean a thing“ erlebten die Besucher mit großer Freude die Aufführung des Duke-Ellingten-Oratorium von Chor, Musikern des „ Marburg Jazzorchestra“ und der Jazz-Sopranistin Felicia Friedrich.

Wenige trauen sich das zu

Nicht viele Chöre trauen sich an das Werk des amerikanischen Bandleaders, Arrangeurs und Jazz-Pianisten, heran. Chorleiter Jean Kleeb hat sich mit vielen Mitwirkenden der Herausforderung gestellt und eine rundum ganz hervorragend gelungene Vorstellung des „Heiligen Konzertes“ einstudiert und die Konzertbesucher mit seiner faszinierend schönen und beeindruckenden Aufführung begeistert. Das war möglich, durch das Engagement aller Beteiligten: den Sängerinnen und Sängern mit ihren jungen frischen Stimmen die hohen Ansprüchen gerecht wurden und eindrucksvoll davon überzeugten, dass sie auch in diesem musikalischen Genre zu Hause sind; sie steckten ihr Publikum förmlich mit ihrer guten Laune an, gefielen mit großem Nuancenreichtum und transparenter Dynamik.

Mit gleichgroßer Spielfreude musizierten die Instrumentalisten, denen in kleiner Besetzung ein swingender Big-Band-Souund gelang; es spielten – auch solistisch – Germann Marstatt, Heidi Bayer (Trompeten), Robin Bäumer, Eugen Balzer, Stefan Koch (Saxofon), Matthias Ungerer (Posaune) , Christian Gerhard (Piano), Sven Demandt (Schlagzeug) und Frank Höflinger (Bass).

Herausragend die Sängerin Felicia Friedrich, die sich mit ihrer bis in hohe Höhen klaren und ausdrucksvollen Stimme temperamentvoll in die musikalische Inszenierung des Werkes einbrachte. Ihre Stimme war mit fetzigen Nummern und wunderschönen Balladen von erhabener Schönheit „Instrument“ im großen Ensemble.

Duke Ellington hatte schon sehr früh als erster in seinem Orchester eine Sopranistin in seinem Orchester als „Instrument“ eingesetzt; der Ausdruck „Stimme als Instrument“ ist seither zu einem oft verwendeten Begriff geworden. Ungewöhnliche die Idee des „Duke“: in seiner Jazz-Messe eine Tänzerin auftreten zu lassen. Veronique Spiteri steppte auf einem Podium in der Lukaskirche: „David danced before the Lord“ – dafür gab es tosenden Sonderapplaus.

Glaubensbekenntnis in Noten

Duke Ellington (1899-1974), der auch eine Reihe von Konzertstücken und Suiten komponierte und so die Grenzen zwischen Jazz und Klassik verwischte, schrieb in den Jahren 1965, 1968 und 1973 einige „Sacred-Concert-Stücke“, die von ihm in vielen großen Kirchen aufgeführt wurden. Nach dem ersten Konzert mit Ellingtons religiöser Musik im September 1965 in der Kathedrale von San Francisco gab es auch heftige Kritik, etwa von baptistischen Geistlichen, mit der Begründung, das Leben des Komponisten sei an die Tätigkeit in Nachtlokalen gebunden und befinde sich im Gegensatz zu allem, was die Kirche darstelle. Duke Ellington bekannte: „Mit dieser Musik „konnte ich endlich öffentlich bekennen, was ich bisher auf den Knien nur selber sagen konnte“, die „Sacret Concerts“ wurden gleichsam das musikalische Glaubensbekenntnis des großen Jazzmusikers.

Erst 1993 schufen arrangierten John Hoybey und Peter Pedersen die drei Stücke zu der Jazz-Messe „Sacred Concert“. Dieses Arrangement in dem Chor und Orchester ebenbürtige Partner sind, hörten die Besucher in der Reinhardshäuser Lukaskirche in einer faszinierend eindrucksvollen Aufführung, für die sich die Zuhörer am Ende stehend mit wahren Begeisterungsstürmen bedankten; es gab Zugaben von Chor, Orchester und Sopranistin und Stepptänzerin. Ein besonders schöner Ausklang eines außergewöhnlichen Kirchenkonzertes: Die Besucher verließen die Lukaskirche durch ein Spalier der Sängerinnen und Sänger, die ausgelassen-fröhlich noch einmal „Freedom is coming“ sangen, so lange, bis auch der letzte die Kirche verlassenhatte.

Von Werner Senzel

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