Freispruch aus Mangel an Beweisen

Frau als Schwein beleidigt? Bedrohung in Wildunger Kinderarzt-Praxis

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Beleidigung und Bedrohung: begangen im Wartezimmer einer Wildunger Kinderarztpraxis. Dessen war ein Wildunger vorm Fritzlarer Amtsgericht angeklagt. (Symbolbild)

Mangels Beweisen wurde ein 57-Jähriger Wildunger vorm Fritzlarer Amtsgericht frei gesprochen. Ihm waren schwerste Pöbeleien im Wartezimmer einer Kinderarzt-Praxis zur Last gelegt.

„Korrekt.“ Mehr sagte derAngeklagte om Prozess nicht. Er bestätigte nur die Angaben zur Person, als wolle er die eigene Kleidung charakterisieren: dunkles Sakko, zugeknöpfte Weste, fest gebundene Krawatte. Angeklagt war der Mann, weil ihm am 16. Oktober 2018 der Kragen geplatzt sein soll – im Wartezimmer einer Wildunger Kinderarztpraxis.

Die Anklage

Er habe eine heute 25 Jahre alte Hausfrau und Mutter aus Bad Wildungen beleidigt und bedroht, hielt ihm Staatsanwalt Fabian Ruhnau vor. Weil sie ihn vermeintlich ansah. „Als schwarzes Schwein und scheiß Flüchtling“ soll der Angeklagte die ihm unbekannte Frau beschimpft haben. Die zwei befanden sich mit ihren Töchtern – beide im Kindergartenalter –allein im Wartezimmer. Als die Frau vorgab, den Fremden nicht zu verstehen, habe dieser mit den Fingern über seine Kehle gefahren zum Zeichen, sie ihr durchzuschneiden.

Die Identifizierung

In Angst eilte die Mutter zum Empfang und rief die Polizei. Bei Ankunft der Beamten hatte der Angeklagte die Praxis verlassen, doch er wurde ausfindig gemacht.

Auf der Wache erkannte die 25-Jährige den Mann auf einem von acht Vergleichsfotos. Verteidiger Bernd Pfläging sprach dem die Aussagekraft ab: „Mein Mandant wurde als einziger in Sakko und mit Krawatte fotografiert. Alle anderen trugen T-Shirts.“

Eine Verwechslung schloss der Staatsanwalt aus und zitierte den einzigen Satz, den der Angeklagte schriftlich zu Protokoll gab im Vorfeld des Prozesses: „Ich saß im Wartezimmer, als sie herein kam.“

Die Zeugenaussagen

Richterin Corinna Eichler befragte die Zeugin, die sich im Alltag in Deutsch verständigen kann, im Beisein einer Dolmetscherin. Widersprüche zum Polizeiprotokoll traten auf, das mit Hilfe eines Dolmetschers geschrieben wurde. Vor Gericht berichtete die junge Frau, die ein Kopftuch und farbige, weite Kleidung trug, von der Beleidung „Schwein“ und von einer Würgegeste. Dann habe der Mann ihr bedeutet oder gesagt, dass er sie in Stücke schneiden und in den Müll werfen werde. Weshalb diese Angaben vor Gericht sich vom Polizeiprotokoll unterscheiden, war auch mit Hilfe des damaligen Dolmetschers und des vernehmenden Polizisten im Zeugenstand nicht zu klären. Dieser berichtete, dass die Frau auf der Polizeistation angefasst wirkte. Vom Team der Kinderarzt-Praxis wurde niemand vorgeladen. Auf Nachfrage begründeten Staatsanwaltschaft und Gericht das mit der sehr weit reichenden medizinischen Schweigepflicht.

Die Plädoyers

Am Schluss kamen der 25-Jährigen im Prozess Tränen. Sie erzählte, wie sie mit ihren Kindern vor einem Monat dem Angeklagten erneut begegnete. In der Lindenstraße sei er schnell mit dem Auto vorbei gefahren und habe den Mittelfinger ausgestreckt. Zur Polizei ging die junge Frau dieses Mal nicht.

Trotz der Unterschiede in den Aussagen der Mutter war für Staatsanwalt Ruhnau klar: „Im Kern schildert die Zeugin durchgehend die Beleidigung ‘Schwein’ und die Bedrohung durch eine Geste mit der Hand zum Hals.“ Es gebe keinen Grund, weshalb die Frau jemanden, der ihr unbekannt war, haltlos beschuldigen sollte. Ruhnau forderte daher 50 Tagessätze zu je 50 Euro als Geldstrafe für den Angeklagten, der keine Vorstrafen aufweist.

Die Verteidigung billigte dem Staatsanwalt zwar „zutreffende Ausführungen“ zu, aber die Frage sei, ob die Vorwürfe angesichts der Widersprüche und angesichts der angreifbaren Lichtbild-Identifizierung ausreichten für eine Verurteilung. „Ich meine ‘Nein’ und fordere Freispruch“, unterstrich Rechtsanwalt Pfläging.

Das Urteil

Richterin Eichler sprach von einer Verhandlung „mit politischer Dimension“, doch es gelte, „ohne Ansehen der Person“ zu urteilen. Sie sprach den Angeklagten „aus Mangel an Beweisen frei“. Es sei nicht sicher zu klären, was genau an diesem Oktobernachmittag im Wartezimmer der Kinderarztpraxis gesagt und gezeigt worden sei.

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