25-jähriger Angeklagter macht großen Unbekannten für Handy-Schwundverantwortlich

O2 im Bermuda-Dreieck für iPhones

Bad Wildungen - Ein „Normalerweise“ am Beginn des Satzes bedeutet: Gleich wird die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit beschrieben. Das Wort fiel gestern mehrfach im Prozess gegen einen 25-jährigen Wildunger vorm Fritzlarer Amtsgericht.

„Normalerweise“ sollte jeder Paketbote sich den Personalausweis desjenigen zeigen lassen, dem er die Sendung überreicht und den er für den Empfang unterschreiben lässt. In der Realität läuft´s meistens anders.

„Normalerweise“ sollten bei Abschluss eines Handy-Vertrages der Kunde und der Verkäufer im Mobilfunk-Shop das Papier unterzeichnen. In der Realität läuft´s meistens anders.

„Normalerweise“ sollten Kundendaten den PC eines Mobilfunk-Shops nicht verlassen. In diesem Fall lief´s anders.

Das vorläufige Ende vom Lied: Der Mobilfunk-Anbieter O2 bleibt vorerst auf mehr als 11000 Euro Verlust sitzen, der ihm entsteht durch das Verschwinden von 15 nigelnagelneuen iPhones im Nirwana der Kommunikationsgesellschaft.

Schuld daran sein soll der 25-jährige selbstständige Betreiber eines Mobilfunk-Shops in der Badestadt – wegen kriminellen Vorgehens.

Laut Anklageschrift schloss der Mann als „Seller“ bei O2 im Internet 15 neue Handy-Verträge ab, doch nicht für sich, sondern für Andere. Für jeden Vertrag gab´s günstig für den Kunden ein hochwertiges Smartphone.

„Wie geht das denn?“, wollte Richterin Eichler von einem O2-Mitarbeiter im Zeugenstand wissen. „Es ist üblich, dass man einen Vertrag für Verwandte oder Freunde auf diesem Weg abschließen kann“, antwortete der Zeuge.

Es sei auch möglich, dass Kundenadresse und Lieferadresse voneinander abweichen. Lieferadresse war 15-mal das Geschäft des Angeklagten – bloß hat er nur ein einziges Mal dem Paketdienst per Unterschrift den Empfang quittiert. Die restlichen Autogramme sind unleserlich und niemandem zuzuordnen, die Handys nach Auslieferung futsch, nicht gelandet bei denen, die sie auch gar nicht geordert haben: die Kurstadt als Bermuda-Dreieck für iPhones.

Pikant: Bei diesen 15 Verbrauchern, von deren Konten O2 (schein-)vertragsgemäß abbuchte und denen man die hochwertigen Smartphones meinte zugesandt zu haben, handelte es sich um Bestandskunden des Anbieters. Diese beschwerten sich, als O2 plötzlich höhere Monatsbeiträge einzog, als im ursprünglichen Vertrag vereinbart.

Wie soll der Angeklagte an ihre Daten für seine Bestellungen gekommen sein?

Die Version der Anklage und von O2: Der 25-jährige Wildunger hat die Daten bei seinem früheren Arbeitgeber abgegriffen, der mehrere Mobilfunk-Shops betreibt, unter anderem in der Kasseler Innenstadt, im DEZ, in Vellmar und in Korbach. In allen vier Filialen war der Angeklagte 2011/2012 ein Jahr lang eingesetzt, bis es zur Trennung vom Arbeitgeber kam. „Nicht im Besten“, wie der 63-jährige Unternehmer als Zeuge berichtete.

Im September 2012 bemerkte er anhand von EDV-Protokollen, dass eine Reihe von Kundendaten durch einen Hacker-Angriff von außen aus den Rechnern seiner Shops herausgezogen worden waren. „Das war offenbar jemand, der sich bei uns auskannte“, meinte er im Prozess.

„Kann man denn feststellen, um welche Kundendaten es sich handelte und welche Verkäufer in Ihren Geschäften die ursprünglichen Verträge mit den 15 Kunden geschlossen haben?“, wollte Richterin Eichler wissen.

Die Namen der Verkäufer sind mangels leserlicher oder gleich fehlender Unterschriften nicht herauszubekommen. Ob zu den gestohlenen Kundendatensätzen die 15 im Prozess besprochenen zählen, will der Unternehmer versuchen zu prüfen: „Aus dem Kopf geht das nicht bei 35000 Kunden.“

Auch der ermittelnde Kripo-Beamte aus Korbach konnte nicht mehr Licht ins Dunkel bringen. „Kann man feststellen, von welchem Computer aus die 15 ‚Seller‘-Verträge im Internet geschlossen wurden?“ fragte die Richterin. „Nicht mehr“, antwortete der Polizeibeamte. Zwar wählt sich jeder Rechner bei einer Bestellung mit seiner IP-Adresse ein und die Spur zu ihm wäre deshalb zurückzuverfolgen, „aber diese Daten müssen von den Providern nur vier Tage und dürfen höchstens sechs Tage gespeichert werden“, erklärte der Kripo-Mann. Mehr erlaubt das berühmt-berüchtigte Gesetz zur „Vorratsdatenspeicherung“ nicht.

Der Angeklagte kann sich nicht erklären, wer wie die besagten (Schein-)Verträge abgeschlossen und dann die Smartphones an seine Shopadresse hat liefern lassen.

„Ich war ja neu im Geschäft und unerfahren. Wenn ich mal weg war, habe ich den Laden nicht verschlossen und jeder konnte an meinen Computer.“ Außer ihm nutzten vier Stromverkäufer dasselbe Büro, die aber nach Meinung des Angeklagten und nach fester Ansicht von Staatsanwaltschaft und Gericht nicht als Übeltäter in Betracht kommen.

Zwei der verschwundenen Smartphones sind inzwischen wieder aufgetaucht, „ohne dass uns die Befragung der Besitzer weitergebracht hätte“, betonte Richterin Eichler.

Sie vertagte den Prozess. Weiter geht´s, wenn der Ex-Chef des Angeklagten die gestohlenen Kundendaten hat prüfen lassen.

Von Matthias Schuldt

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