Nachgehakt bei den Akutkrankenhäusern im Kreis:

Kaum praktiziert: Bessere Vorsorge gegen falsche Ärzte wäre möglich

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Der berühmteste deutsche „Mediziner“ ohne Approbation: Professor Brinkmann alias Klaus-Jürgen Wussow mit „Schwester Christa“ (Gaby Dohm). Seine Darstellungskunst im weißen Kittel war rechtskonform

Waldeck-Frankenberg – Falsche Mediziner in Kliniken liefern Schlagzeilen, wie in Melsungen und Fritzlar. Wie schützen die vier Akut-Krankenhäuser im Kreis sich  vor derlei Betrug?

Diese Frage legte unsere Zeitung den Geschäftsleitungen des Korbacher Stadtkrankenhauses, des Kreiskrankenhauses Frankenberg, des Bad Arolser Krankenhauses und der Wildunger Asklepios-Stadtklinik vor. Ergebnis: Als Bestandteil des Klinikums Kassel nutzt bislang allein das Arolser Krankenhaus die Möglichkeit, die Echtheit vorgelegter Urkunden durch die zuständige Einrichtung des Landes Hessen bestätigen zu lassen. Die übrigen drei Kliniken verlassen sich auf die Echtheit vorgelegter Originale. Beglaubigte Kopien reichen auch ihnen nicht aus.

Landesweit nur 3 bis 4 Anfragen monatlich zu Ärzte-Approbationen

Ohne Zulassung, die „Approbation“, darf niemand in Deutschland als Ärztin oder Arzt arbeiten, erklärt das hessische Sozialministerium auf Anfrage. Jedes Bundesland hat eine eigene Institution, die diese Urkunden ausstellt. In Hessen ist es das „Hessische Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen“, kurz HLPUG.

Bewirbt sich ein Arzt mit einer hessischen Approbation, können Krankenhäuser schriftlich beim HLPUG nachhaken, ob das Amt der betreffenden Person die Zulassung auch tatsächlich erteilt hat. Stammt die Approbation aus einem anderen Bundesland, ist die dortige Zulassungseinrichtung zuständig.

Das HLPUG erhalte durchschnittlich pro Monat drei bis vier solcher Anfragen, schreibt das Ministerium. Die Tendenz sei nach Angaben des Amtes in den letzten zwei Jahren „leicht ansteigend“.

"Treu und Glauben" gegenüber Bewerbern für Arztstellen

Gemäß „Treu und Glauben“ habe sich das Korbacher Krankenhaus auf die Echtheit von Original-Approbationsurkunden verlassen, antwortete Christian Jostes, bis 17. Februar Geschäftsführer. Das Kreiskrankenhaus meinte, „zur Absicherung gibt es die Möglichkeit, die Ärztekammern einzuschalten.“ Die Bezirks-Ärztekammer Nordhessen lehnt das unter Hinweis auf Datenschutz jedoch ab und verweist auf das HLPUG. In der Wildunger Asklepios-Stadtklinik prüft man die Echtheit einer Approbationsurkunde „im Wesentlichen anhand des beglaubigten Stempels“. Assistenzärzte, die zu Ausbildungszwecken eingesetzt würden, durchliefen die Landesärztekammer. Die „Gesundheit Nordhessen“, zu der Arolsen zählt, prüft die Authentizität von Originalen bei den zuständigen Approbationsstellen nach, teilte die AG mit.

Menschen mit Vorkenntnissen als falsche Ärzte

Wie kann es sein, dass jemand über Monate, gar Jahre als Arzt oder Ärztin im Krankenhaus arbeitet, obwohl es an der Berufserlaubnis und Qualifikation fehlt? Fällt das nicht auf? Der Vorsitzende des Wildunger Ärztevereins Dr. Peter Schickram hält es unter bestimmten Voraussetzungen durchaus für erklärbar, dass eine solche Hochstapelei eine Zeit lang funktioniert: „Das sind dann Menschen mit medizinischen Vorkenntnissen.“ Denn nicht nur Wissen, auch ein bestimmtes Maß an handwerklichen Fähigkeiten sei gefragt. Etwa beim Blutabnehmen oder dem Anlegen einer Bluttransfusion. Seine fehlenden Kompetenzen an dieser Stelle entlarvten im Januar einen falschen Arzt im Bereitschaftsdienst des Melsunger Asklepios-Krankenhauses.

Menschen mit Vorkenntnissen erwarben diese vielleicht in anderen Berufen des Gesundheitswesens, ob als Sprechstundenhilfe, Medizinisch Technischer Assistent oder Pflegekraft. Manche ehemaligen Medizinstudierenden mögen darunter sein, die nur das Examen nicht bestanden, meint Schickram.

Was falschen Ärzten das Hochstapeln erleichtert

Speziell in Krankenhäusern gesellen sich zwei Umstände begünstigend hinzu: „Auf einer internistischen Station etwa gibt es einen fest umrissenen Kreis von Krankheiten, die behandelt werden. Das ist anders, als in einer Hausarztpraxis“, beschreibt Schickram den ersten Effekt. Wer über Vorwissen verfüge und sich einlese, falle nicht zwingenderweise negativ auf, auch wenn ihm die Zulassung fehle. Berufsanfänger mit Qualifikation und Approbation müssten sich schließlich ebenso mit dem jeweiligen Fachgebiet durch Lektüre erst vertraut machen. Zweiter Effekt aus Sicht des Wildunger Ärztevereinsvorsitzenden: Die im Zuge des Qualitätsmanagements wachsende Standardisierung von Therapien gerade in den Kliniken. Wer die gültigen Standards, die Leitlinien, kennt und sich daran etwa beim Ansetzen von Medikamenten hält, gerät nicht sfort in Verdacht, ein Hochstapler zu sein.

Der Ärztemangel spielt Betrügern in die Hände

Christian Jostes, früherer Geschäftsführer des Korbacher Krankenhauses, erläutert einen weiteren Aspekt: „Ein falscher Chefarzt in der Unfallchirurgie bliebe keine zwei Minuten unentdeckt.“ Ein Assistenzarzt auf der Inneren habe größere Chancen, unauffällig im Tross mitzulaufen. Denn Ober- und Chefärztin fällten alle wichtigen Entscheidungen. Diagnose und Therapie würden von ihnen abgesichert. Dass vermehrt falsche Ärzte in die Schlagzeilen geraten, hängt nach Ansicht von Jostes auch mit dem dringenden Bedarf an Medizinern zusammen. Das bestätigt der Wildunger Asklepios-Geschäftsführer Marc Reggentin: „Bisher sind wir von arglistigen Täuschungen verschont geblieben.“ Wenn angebliche Mediziner ohne die erforderliche Ausbildung tatsächlich längere Zeit ohne Ausbildung unentdeckt arbeiteten, zeige das aber auch, „dass der Facharztmangel in manchen Regionen diese neuen Thematiken aufwirft“.

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