Vier Wildunger erzählen aus ihrer Nachkriegskindheit in der Badestadt

Wer Beziehungen hatte, trug Farbiges

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Teilnehmer der Gesprächsrunde „Kindheit in der Nachkriegszeit“ (von links): Bernhard Weller, Jürgen Schnedler, Gerhard Kessler, Fritz Reinhold Lohrmann, Bernd Gehring.

Bad Wildungen - Aus ihrer „Kindheit in der Nachkriegszeit“ erzählten mehrere Wildunger - passend zur aktuellen gleichnamigen Fotoausstellung im Quellenmuseum - auf Einladung des Kulturbeauftragten Bernhard Weller.

Bernd Gehring, Gerhard Kessler, Fritz Reinhold Lohrmann und Jürgen Schnedler kamen auf dem Podium schnell ins Gespräch. Immer mehr Erinnerungen tauchten auf an die Zeit, als nicht nur amerikanische Besatzungssoldaten in Bad Wildungen stationiert waren, sondern auch viele Flüchtlinge aufgenommen wurden.

Kein Amerikaner zog zu Fuß in Wildungen ein

Jürgen Schnedler, der 1944 mit einer Gasmaske und einem Köfferchen aus Gießen zur Großmutter nach Bad Wildungen kam erinnerte sich, wie zu Kriegsende kranke, entkräftete deutsche Soldaten auf dem Rückzug durch Bad Wildungen kamen; Bürger hatten Tische auf die Straße gestellt und boten den ausgehungerten Soldaten Butterbrote und Nudelsuppe an. Kurze Zeit später rückten die Amerikaner wohlgenährt und bestens ausgerüstet ein. „Bis dahin hatten wir Hakenkreuzfahnen und Hitlerbilder verbrannt und fast an allen Häusern wehten weiße Fahnen.“ Die „Amis“ rückten mit Jeeps und leichten Panzerwagen ein, „kein Amerikaner ging zu Fuß“, und lagerten zunächst auf dem Grünstreifen der Brunnenallee. Schnedler: „Die Amerikaner waren zu uns Kindern überraschend freundlich, sie lachten und winkten uns zu.“

Fritz Reinhold Lohrmann wusste noch, wie er mit anderen Kindern vor der Bäckerei Maus stand, Amerikaner ihnen aus ihren Fahrzeugen Geld zuwarfen, um in der Bäckerei Teilchen für sie zu kaufen. „Als wir mit dem Gebäck aus dem Laden kamen, waren die Jeeps längst weitergefahren und wir verkauften die Teilchen an die nachfolgenden GIs.“

Gut erinnerte sich Lohrmann an die Schulspeisung aus amerikanischer Armeeverpflegung, „da gab es Kakao, den wir von zu Hause gar nicht kannten.“

Gerhard Kessler erzählte, was ihm seine Mutter von seiner Geburt berichtet hatte. Es war spät abends, als dringend eine Hebamme gebraucht wurde. Weil damals Sperrstunde herrschte, machte sich eine Tante mit einer weißen Fahne auf den Weg zur Gendarmerie auf den Marktplatz um Hilfe zu holen. Eine MP (Military Police)-Streife hielt die Tante an und die erklärte den Amerikanern radebrechend etwas von „Baby kommen“ und „Hebamme“. Die Militärpolizisten luden die Tante kurz entschlossen in ihren Jeep und kamen kurz darauf mit ihr und einer Hebamme noch rechtzeitig am Haus Kessler an. Kessler: „Und anschließend brachten die freundlichen Amerikaner noch eine ganz Zeit lang Lebensmittel für meine Mutter und das Baby Gerhard.“ Bernd Gehring - Jahrgang 1947 - erlebte die Nachkriegszeit zum großen Teil in Arolsen, wohin es seine Eltern aus Berlin verschlagen hatte. „In Arolsen gab es keine Soldaten, aber genügend Milch; beim Milch holen übten wir immer, die Milchkanne über den Kopf zu schleudern, ohne dass ein Tropfen herausfloss.“

Köstlicher Duft aus der Doughnuts-Bäckerei

Alle erinnerten sich auch noch an den köstlichen Duft der aus der amerikanischen Doughnuts-Bäckerei im Kaiserhof über die Allee zog. Mitarbeiter der Firme Lohrmann hatten dort einmal Malerarbeiten zu verrichten - ein Lehrling füllte kurz entschlossen einen Eimer voller Doughnuts, legte einen Lappen drüber und kippte Gips drauf. „Herrlich, wie dieses Schmalzgebäck uns allem schmeckte.“ Ein Besucher aus dem Publikum outete sich als „Mundräuber“; gemeinsam mit Freunden bediente er sich von den Lebensmittelvorräten, die die amerikanischen Soldaten und Familien zum Kühlen auf die Fensterbretter im Fürstenhof gestellt hatten. Gemeinsame Erinnerungen gab es auch an den Zinkzuber, der damals allenthalben in die Küche gestellt, mit heißem Waser gefüllt wurde und alle Kinder nach und nach „das sauberste zuerst“ gebadet wurden, (in der Königsquelle und im Kaiserhof gab es „Badehäuser“, in denen man für 90 Pfennige ein Wannenbad nehmen konnte.) Im Gedächtnis auch noch die Wohnungsknappheit, als Flüchtlinge bei Familien einquartiert wurden und dass in vielen Häusern „schwarz geschlachtet“ wurde. Für viele war das erste englische Wort das sie aussprechen konnten „chwewing gum“ (Kaugummi). Gerhard Kessler wusste noch: „Man konnte im Straßenbild sehen, wer von den Wildungern Beziehungen nach Amerika hatte - die waren dann ganz anders, nämlich bunt und nicht grau in grau gekleidet.“

Von Werner Senzel

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