Trend zum Deutschlandurlaub überdeckt Personalmangel und Ertragsschwäche

Branche wächst und schrumpft zugleich

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Eine Vielzahl von Hotels, Pensionen und Gaststätten findet sich in Bad Wildungen und Umgebung.

Wildungen/Edertal/Waldeck - Mehr Übernachtungen in Deutschland, Plus in Hessen, Plus in Nordhessen – aber ein Minus 2012 im Waldecker Land. So beschrieb Christian Gerlach als Vorsitzender die Lage bei der Jahreshauptversammlung des Wildunger Hotel- und Gaststätten-Kreisverbandes im Wellener Gasthaus Zorn.

Klar; Juni und Juli komplett verregnet, der August 2012 zur Hälfte; das drückt auf die Zahlen. Aber: „Bad Wildungen hat zugelegt, und das liegt sicherlich an den großen Hotelbetrieben, die sich neue Gästegruppen erschließen“, meinte Gerlach. Sie setzten nicht länger auf Patienten-Angehörige.

Der generelle Trend zu Städtetouren tut ein Übriges. Von den Größeren lernen kann heißen, mehr Erfolg zu erzielen. Diese Erkenntnis hat der Hoga-Stammtisch bei Besichtigungen gewonnen.

„Die Sonne“ in Frankenberg, das Sporthotel Freund in Vöhl-Oberorke oder ein Kino-Themenhotel in Berlin seien Beispiele für investitionsfreudige Unternehmen, die klotzen, um Gäste zu ziehen, unterstrich Gerlach: „Wenn ich ein 25 Jahre altes Zimmer habe, ist es alt, auch wenn der Teppichboden keine Löcher hat.“

Stammgäste gäben sich zufrieden, aber sie altern und sterben mit der Zeit weg. Neue Gäste hegten höhere Erwartungen.

„Investieren Sie, so lange der vergünstigte Mehrwertsteuersatz für Hotels noch gilt“, rief der Wildunger Vorsitzende seine Kolleginnen und Kollegen auf. Übervorsichtige Hausbanken, die zurückzucken bei der Kreditvergabe, müssen solche Pläne nicht gleich zu Fall bringen, verdeutlichte der DeHoga-Bezirksvorsitzende Gerhard Boucsein. Er verwies auf die Bürgschaftsbanken, mit denen der Verband zusammenarbeitet.

Mitglieder können sich auf diesem Umweg Finanzmittel sichern, wenn sie den Prüfern ein überzeugendes Konzept für die Investition vorlegen. „In den weitaus meisten Fällen funktioniert das“, sagte Boucsein.

Neue Sterne braucht das Land

Qualifizierung nach den Sterne-Kategorien des Verbandes sei ein weiteres Mittel, im umkämpften Markt zu bestehen, betonte Gerlach: „Andere Länder in Nord- und Mitteleuropa übernehmen unsere Kriterien. Nur im Süden mangelt es daran.“

Und unter den Einheimischen werbe mancher noch mit Sternen aus den 1970ern, die unter anderen Voraussetzungen vergeben wurden; enttäuschend die Realität dann für die Gäste. Claus Günther, Geschäftsführer der Edersee-Touristic, verwies auf das Online-Buchungssystem der ET als interessanten Vermarktungsweg gerade für kleinere Häuser ohne eigene Homepage.

Zunehmend erwarteten Urlauber, dass sie Zimmer im Internet buchten könnten. ?8 Prozent Provision bei Buchung für ET-Mitglieder und 10 Prozent für Nicht-Mitglieder lägen deutlich unter den 15 Prozent, die große Hotelportale verlangen, rechnete Gerlach vor. Selbst wenn kleine und mittelgroße Häuser all das beherzigen – weitere Veränderungen in der Gastronomie und Hotellerie führen dazu, dass Hoga-Verbände bis zu 30 Prozent ihrer Mitglieder in den vergangenen Jahren durch Geschäftsaufgabe verloren.

Schlechte Erträge, vergebliche Nachfolgesuche und Personalmangel lauten die Stichworte.

Viel Arbeit, wenig Geld

Lange Arbeitszeiten, Wochenendarbeit und am Ende wenig in der eigenen Kasse – das motiviert kaum dazu, von den Eltern oder einem verkaufswilligen Vorgänger einen Hotel- oder Gastronomiebetrieb zu übernehmen. Eine Beratungsgesellschaft des DeHoga versucht, in solchen Fällen zu helfen.

Vielsagend: Sie ist momentan so beschäftigt, dass sie die Einladung zu einem Vortrag ausschlug, berichtete Gerlach. Der Personalmangel spiegelt sich am eklatantesten bei den Auszubildenden wider. Vor drei Jahren verzeichnete das deutsche Gastgewerbe 115 000 angehende Fachkräfte, im laufenden Jahr sind es 86 000. Es fehle an Bewerbern.

Dabei sei die Bezahlung nicht so schlecht wie ihr Ruf. Hessen stehe an der Spitze, betonte Gerhard Boucsein. Allerdings liegen die Papierwelten der Tarifverträge und die Wirklichkeit des Arbeitsalltags regelmäßig auseinander. Große Hotels etwa vergeben den Zimmerservice an Subunternehmer, die deutlich unter Tarif entlohnen.

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung hat aktuell für Nordrhein-Westfalen eine Studie zu 450-Euro-Jobbern veröffentlicht, die demnach im Gastgewerbe besonders oft zu finden sind und schnell unter einen Stundenlohn von 7 Euro rutschen.

Die Situation der Branche schlägt sich in einer Befragung der nordhessischen Betriebe vom November/Dezember nieder.

30 Prozent pessimistisch

26,1 Prozent sind zufrieden, für 43,5 Prozent könnte es besser laufen und 30 Prozent sagen, die Lage habe sich verschlechtert.

Gerhard Boucsein bezeichnete angesichts dessen die umstrittene abgesenkte Mehrwertsteuer für Hotels als Segen. Ein Fluch allerdings, dass diese Regelung im Gefolge der einsetzenden Bankenkrise nicht mehr, wie vorgesehen, auf die Gastronomie erweitert wurde.

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