Wirtsehepaar des "Knusperhäuschens" reagiert frühzeitig auf Corona-Pandemie

Ausflugslokal in Reitzenhagen aus Liebe zu den Gästen geschlossen

Reißleine gezogen: Annegret und Rolf Schulz haben schon vor einer Woche das „Knusperhäuschen“ in Reitzenhagen aus Sorge vor Ansteckungsgefahr geschlossen. Foto: Conny Höhne

Die Räume im Hexenhäuschen sind klitzeklein, die Ansteckungsgefahren entsprechend groß: Annegret und Rolf Schulz, Wirtsehepaar aus dem Café „Knusperhäuschen“, zog vor einer Woche die Reißleine, als Schließungen von Lokalen noch in weiter Ferne lagen.

Bad Wildungen-Reitzenhagen – Das für seine Riesen-Windbeutel bekannte Ausflugslokal ist seitdem geschlossen.

„Die Gesundheit unserer Gäste und Mitarbeiter hat für uns höchste Priorität“, betont die Wirtin. Ein komfortabler Mindestabstand sei in den beengten Räumen gar nicht möglich. Das bewog das Ehepaar zu der Entscheidung.

"Hatte schon länger in ungutes Gefühl"

„Ich hatte schon länger ein ungutes Gefühl“, deutet Rolf Schulz auf zunehmend alarmierende Corona-Zahlen aus aller Welt. Nach einem lebhaften Ausflugswochenende mit zahlreichen Gästen im „Knusperhäuschen“ spitzt sich dann auch allmählich in Deutschland die Lage zu. „Unsere Töchter haben uns sehr ins Gebet genommen und gedrängt, das Lokal zu schließen.“

Annegret und Rolf Schulze leiden beide unter der Atemwegskrankheit COPD und gehören zur Risikogruppe. Auch Ehemänner ihrer Mitarbeiterinnen seien gesundheitlich sehr angeschlagen, und fast das komplette Team sei längst im Seniorenalter. „Oft ist es an den Wochenenden aber so voll, dass wir uns kaum aus dem Weg gehen können“, berichtet der 66-Jährige.

360 Eier an die Tafel verschenkt

In Zeiten von Corona sind zügige Entscheidungen gefragt, ist sich das Paar einig und schloss das Lokal. „Wir öffnen erst wieder, wenn wir sicherstellen können, dass keine Gesundheitsrisiken bestehen.“

Leicht sei ihnen die Entscheidung nicht gefallen. Die Einnahmen aus dem Café waren ein wichtiges Zubrot. „Und wir wollten auch nicht unnötige Panik verbreiten,“ merkt Schulz an. Deswegen hat er sich bei den Behörden rückversichert. Mitarbeiter von Ordnungsamt und Gesundheitsamt hätten sie jedoch sofort bestärkt, bescheinigt der Reitzenhagener. Nach reiflicher Überlegung schließen Annegret und Rolf Schulz am 12. März die Türen zu und verschenken die nicht mehr benötigten Lebensmittel. 360 Eier, die für das nächste Wochenende schon bereitstehen, werden zur Tafel gebracht, die Sahne erhält ein Kollege.

Motto: Jeden Gast mit einem Lächeln nach Haus gehen lassen

Mit Wehmut sieht Annegret Schulz seither jeden Tag an dem verwaisten Lokal nach dem rechten, füllt die Futterkästen für die Singvögel im Garten, putzt Fenster, fegt den Hof. Sie ist mit Leib und Seele Wirtin, und das von Kindesbeinen an. „Ich liebe meine Gäste,“ sagt sie mit einem Schmunzeln. Ihr Motto: Jeden Gast mit einem Lächeln nach Hause gehen lassen.

Ungewollt genießt das Ehepaar jetzt die überraschende Freizeit. „Endlich hätten wir mal Zeit, um unsere Kinder und Enkelkinder zu besuchen“, sagt die 68-Jährige. Leider scheide das aus Ansteckungsgründen aus. „Wir setzen auf Vernunft und Verständnis und die Hoffnung, dass die Krise nicht mehr lange dauert.“

Ein Hexenhaus auf dem Meerrettich-Acker

Der Vater von Annegret Schulz, geb. Lohre-Lange, hat das kleine Häuschen in Reizenhagen gebaut. „Früher war hier ein MeerettichAcker“, weiß die Tochter aus Erzählungen. 

Dem Vater war das kleine Grundstück am Waldrand unterhalb der Bilsteinklippen schon in Jugendjahren aufgefallen. „Wenn im Winter überall noch Schnee lag, war er hier schon weg getaut, und das Feld lag in der Sonne.“ An diesem Platz wollte er später mal ein Haus bauen, nahm sich der Junge felsenfest vor. In 1951 – er war gelernter Kellner – setzte er seinen Traum in die Tat um. 

Im Elterhaus geboren

Die Nachbarin war Namenspatin. „Sie rief über den Zaun hinüber: Das ist ja ein richtiges Knusperhäuschen.“ Vier Monate nach dem Einzug wurde Annegret Schulz in der heutigen Küche ihres Elternhauses geboren. „Das ist das Beste, was diese Küche je hervorgebracht hat“, schwärmt ihr Ehemann Rolf augenzwinkernd. Die Eltern der Reitzenhagenerin betrieben das Café gemeinsam. 

Später trennte sich das Paar und die Mutter führte das Lokal allein weiter. Die Tochter musste schon in jungen Jahren mithelfen. „Die schweren Zeiten haben mich sehr geprägt“, versichert die 68-Jährige heute. Bescheidenheit war Trumpf. „Als Kind hatte ich nie ein eigenes Zimmer und keinen Tisch für Hausaufgaben.“

Rezept für Riesenwindbeutelschwäne

 Seit 1974 führt Annegret Schulz mit ihrem Ehemann Rolf das „Knusperhäuschen“. Der 66-jährige Elektroinstallateur gab seinen Job bei der Bundeswehr auf und lernte backen. Spezialität: Riesenwindbeutelschwäne. Sein Rezept für die süßen Gaumenfreuden aus der Hexenküche verrät er gern: „Liebe, Ideen und Erfahrung – mehr braucht es nicht.

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