„Musik tut meiner Seele gut“

Heimat Vietnam, Wahlheimat Bad Wildungen:  Musiker und Fotograf Giao Nguyen setzt sich zur Ruhe

Musiker, Künstler, Fotograf: Giao Nguyen hat sich in seiner Wahlheimat Bad Wildungen vielseitig engagiert. Foto: Höhne

Bad Wildungen – Jahrzehnte hat Giao Nguyen das kulturelle Leben als Musiker, Fotograf und Grafikkünstler mitgeprägt. Bad Wildungen ist seit 1976 die Wahlheimat des Berufsmusikers aus Vietnam.

Jetzt will sich der 83-Jährige in den Ruhestand zurückziehen.

In seiner Wohnung in der Altstadt erinnern Fotografien und Drucke an seine Heimat Nordvietnam. „Meine Mutter konnte weder lesen noch schreiben. Als ich in die Schule kam, beschäftigte ich mich schon mit der Symphonie von Beethoven,“ sagt der Musiker rückblickend.

Nguyen wächst in Nordvietnam auf, sein Urgroßvater ist ein hoher Mandarin. Während der Kriegswirren in Asien flüchtet die Familie nach Südvietnam. Nguyen studiert in Saigon Musik mit dem Hauptfach Violoncello. „Zwei Jahre später war ich der Jüngste bei den Philharmonikern.“ Das ist 1959, der Cellist ist 24 Jahre jung.

1961 kommt er als Stipendiat an die Musikhochschule in Hamburg, studiert zusätzlich Fotografie und Malerei. Sein Steckenpferd: schwarz-weiß- und Farbfotografie mit Agfacolor. Der Fotograf veröffentlicht Beiträge in Publikationen wie „Nguyens Fotoexperimente“ oder „Perfekte Fotografie“. Als Musiker verdient er sich später im Kurorchester in Bad Pyrmont und im Symphonieorchester im Rheinland seinen Lebensunterhalt. 1969 heiratet der Vietnamese seine Frau Ilse in Hamburg. Das Paar hat vor wenigen Wochen in Bad Wildungen das Fest der Goldenen Hochzeit gefeiert.

Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, zieht es Nguyen nach Hessen. Er wird Musiker im Bad Wildunger Kurorchester. „Zehn Monate später hatte ich die Staatsbürgerschaft.“ Das Veranstaltungsbüro unterstützt er bei Fotografie und Grafik und ist nebenher Organist, spielt in Affoldern, Waldeck oder Sachsenhausen die Kirchenorgel. In Bad Wildungen wird sein Sohn Kim geboren. Der Sohn, der das musikalische Talent von seinem Vater geerbt hat, ist Mathematiker und Physiker und lebt mit Ehefrau und zwei Kindern in Berlin.

Giao Nguyen hat in Bad Wildungen auch etliche Ausstellungen veranstaltet, zeigte Fotos von wilden Orchideen oder Rosen oder Motive aus der Altstadt. „Fotografie ist Handwerk auf dem Weg in die Kunst,“ sagt Nguyen mit einem Lächeln. Die alte Lochkamera, angefertigt in der Hochschule für Bildende Kunst, steht noch immer wohl behütet im Schrank.

Aus seiner aktiven Laufbahn zieht sich der Musiker jetzt zurück, privat greift er täglich zum Instrument. „Musik tut meiner Seele wirklich gut“, sagt Nguyen. „Ohne Musik weiß ich nicht, wie ich leben soll – ohne Essen schaffe ich es schon einige Zeit.“

Gesundheitlich angeschlagen will der 83-Jährige kürzer treten. „Ich würde mich aber freuen, wenn ich einmal pro Woche noch in einer heiligen Messe spielen kann,“ sagt der Musiker, der sich in Marburg evangelisch taufen ließ.

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