Richterin: Gnadenlos zugeschlagen beim Überfall am Domstadtcenter

Zwei 19-Jährige am Amtsgericht Fritzlar zu Freiheitsstrafen verurteilt

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Richterin: Gnadenlos zugeschlagen beim Überfall am Domstadtcenter (Symbolbild).

Für fünf Straftaten im Schwalm-Eder-Kreis hat das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Fritzlar zwei 19-Jährige zu Freiheitsstrafen ohne Bewährung verurteilt.

Der Angeklagte A. bekam wegen versuchten schweren Raubes und gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung ein Jahr und sechs Monate. Der Mittäter N. muss wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung – zusammen mit A. – gefährlicher Körperverletzung eines Iraners, versuchter gefährlicher Körperverletzung sowie Schwarzfahrens ein Jahr und drei Monate ins Gefängnis. Beide wurden nach Jugendrecht verurteilt.

Die Staatsanwältin hatte für N. zwei Jahre und zehn Monate und für A. ein Jahr und zehn Monate ohne Bewährung beantragt. Beide Pflichtverteidiger plädierten für Bewährungsstrafen. Am Ende der siebeneinhalbstündigen Verhandlung überreichte Richterin Brigitte Schornstein-Bayer beiden Verurteilten neue Haftbefehle. Diese verlängern die Haftbefehle des Amtsgerichts Fritzlar vom 16. April.

Wollten Kopfhörer rauben

Am Vorabend hatten die beiden jungen Männer in Fritzlar einen 39-jährigen Mann am Fritzlarer Domstadtcenter überfallen, um ihm den Kopfhörer zu rauben. Der 1,92 Meter große Mann war – wie berichtet – verletzt worden. Die weiteren Taten wurden unter anderem in Homberg begangen. 

Während der über einstündigen Urteilsbegründung sprach Richterin Schornstein-Bayer im Zusammenhang mit dem Überfall in Fritzlar von einer massiven Bedrohung und Schlägen sowie einer erheblichen Alkoholisierung der Angeklagten. Die hatten bis zu 2,32 bzw. 1,92 Promille Alkohol im Blut. Beide hätten gnadenlos zugeschlagen. „So eine massive Bedrohung sieht man nicht jeden Tag.“

Der Überfallene habe aus Notwehr und zu seiner Verteidigung Pfefferspray eingesetzt, sagte die Richterin, „und man kann ihn nicht vom Opfer zum Täter machen. Ohne das Pfefferspray hätte die Tat nicht geendet“.

Für die Familie, vor allem die Kinder des Mannes, sei die Tat schockierend, und es gebe keinerlei Zweifel an seinen Schilderungen. Am Ende entschuldigten sich beide Angeklagten mit den Worten: „Es tut mir leid.“ N: „Ich habe mich geändert. Ich werde keine Straftat mehr begehen.“ Der hatte bereits am ersten Verhandlungstag zugegeben, Alkoholiker zu sein und täglich Drogen zu nehmen. Damit sei es aber jetzt vorbei.

Er ist Alkoholiker

„Warum saufen Sie?“, fragte ihn sein Verteidiger. Er versuche sich mit Alkohol zu beruhigen, wenn er aggressiv sei. Die Asylbewerberunterkunft in Homberg sei „kein gutes Heim: Da sind nur Alkoholiker drin.“ Jetzt könne er „auch ohne die falschen Freunde“, ohne Alkohol leben.

„Von ganz erheblichen Ausfallerscheinungen“ während der Tat sprach der Gutachter, ein Rechtsmediziner der Uni-Klinik Gießen-Marburg. Der starke Alkoholgenuss habe zu Aggressionen und Enthemmungen geführt.

Die Staatsanwältin schätzte beide Beschuldigte als „sehr gefährlich“ ein. Sie hätten schon viele Straftaten begangen. Es bestehe ein „enormes Gewaltpotential“. Entscheidend sei jetzt der Erziehungsgedanke, meinte der Anwalt von A. Das Angebot von zwei Frauen, seinen Mandanten aufzunehmen und zu betreuen, biete die Chance für ihn, „die Kurve zu kriegen“.

Vor den Taten war A. von einer Fritzlarerin zu Hause aufgenommen worden, die mit einer Bekannten auch für die Zukunft Hilfe anbot. „Ich möchte unbedingt, dass er eine Zukunft hat und den Hauptschulabschluss macht“, sagte die Frau. Richterin Schornstein-Bayer sprach den Wunsch und die Hoffnung aus, dass Beiden nun erst einmal im Justizvollzug professionell geholfen werde. Die Jugendstrafe sei erzieherisch notwendig.

Sollte als Kindersoldat ausgebildet werden

Die Verurteilten stammen aus Somalia und Äthiopien. „Sie sind vor Krieg und Terror geflohen“, sagte die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe über die 19-Jährigen, die mit zwölf und 14 Jahren ihre Heimat verließen und in Deutschland Asyl beantragten. Der Vater von A. sei vom Militär getötet worden. Er sei von der Terrortruppe verschleppt und sollte als Kindersoldat ausgebildet werden, habe aber flüchten können. 

Von einer „grausigen Fluchtgeschichte“ sprach der Verteidiger von N. Sein Mandant habe die Koranschule besuchen müssen und sollte ein Selbstmordattentat begehen. Er habe flüchten können. Sein Mandant könne sich nun selbst bewähren, den Schulabschluss machen und eine Lehrstelle antreten. Er dürfe aber keinesfalls zurück ins Heim: „Das ist die Wurzel allen Übels."

Von Manfred Schaake

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