Eines der weniger bekannten Grimm-Märchen, auf die Bühne gebracht vom "theater 3 hasen oben"

"Daumesdick" stiftet zur Fantasie an

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Bad Wildungen - Der Wolf ist cool, mit seiner Sonnenbrille und dem mächtigen Kontrabass. Cool, aber – giiierig! Er stürzt sich in die Fress-Orgie, lässt den Bogen wild, chaotisch, reißerisch über die Saiten rasen.

Laut. Malerisch. Entsteht im Kopf das Bild eines maßlosen Isegrimms, der mit gewaltigen Reißzähnen, knallroter Riesenzunge und tropfenden Lefzen über die Speisekammer in „Daumesdicks“ Elternhaus herfällt. Die Kinder im Publikum lachen, kreischen, juchzen vor Vergnügen und springen auf von ihren Sitzkissen am Boden. Ja, der Wolf tollt fressend herum vor ihrem geistige Auge, obwohl auf der Bühne nur ein Musiker im Jackett und mit Sonnengläsern auf der Nase energiegeladen sein Instrument bearbeitet. Und ja, wirklich, „Daumesdick“ ruft aus dem Bauch des Wolfes, der den Winzling tags zuvor versehentlich verschluckt hat, nach seinen Eltern, obwohl auf der Bühne nur eine Schauspielerin mit hoher, kindlicher Stimme neben dem Kontrabassisten dessen Fress-Klang-Orgie durchdringt. Klaus Wilmanns und Silvia Pahl schaffen gestern Morgen im Wildunger ThaBu, was sie sich mit ihrem „theater 3 hasen oben“ stets aufs Neue vornehmen: „Wir wollen Fantasie anstiften“, sagt Wilmanns. Kunst zum Staunen und zum Selbstzweck Das Paar macht Kunst zum Staunen, zum Selbstzweck, und gerade deshalb bewirkt ihr Spiel so viel im Publikum, das gestern Morgen aus Kindergarten- und Grundschulgruppen mit ihren Erzieherinnen und Lehrerinnen besteht. Paradox? Nein. Erholsam in einer Zeit, in der alle Welt bei allem und jedem nach Sinn, Zweck und Nutzen fragt. Die zwei Schauspieler nehmen sie alle, auch die Erwachsenen, von der ersten Sekunde an gefangen. „Ein Bauersmann und seine Frau saßen eines Abends am Feuer“, beginnt ihr Stück. Pause....................... Die beiden starren zu Boden. Ein, zwei Minuten vergehen. „Feuer?“ hallt plötzlich das letzte Wort des Satzes leise, schüchtern aus dem Mund eines kleinen Jungen im Publikum nach. Erste, vorsichtige Unruhe breitet sich unter den jungen Zuschauern aus. „War’s das schon?“, traut sich eine zweite Stimme zu fragen. „Jaaaaaaaaa!“, hebt der Bauersmann da vernehmlich an und steht auf, „ja, wir wünschen uns ein Kind.“ Die Schauspieler nehmen den Ball aus dem Publikum auf. So still sei es bei ihnen, bedauert die Frau, und woanders gehe es munter zu. Als die zwei endlich einen Sohn bekommen, einen klitzekleinen namens „Daumesdick“, nimmt das Märchen der Brüder Grimm von der Abenteuerreise eines nur vermeintlich wehrlosen Winzlings auf der Bühne seinen Lauf. „Die Welt ist groß und du bist klein. Du brauchst auch gar nicht größer sein. So wie du bist, ist’s gut. Verlier’ nur nicht den Mut“, singen die Eltern für ihr Kind. Ermutigen wollen Wilmanns und Pahl. Sie wollen dazu ermutigen, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, und sich selbst so zu nehmen, wie man ist. „Daumesdick“ handelt äußerlich zumeist unsichtbar, spiegelt sich in den Blicken der anderen Figuren wider: den liebenden Blicken seiner Eltern, den staunenden zweier Langfinger, den begehrlichen zweier Geschäftemacher. „Wir möchten einen Kontra-punkt setzen zu Reizüberflutung und Hektik“, sagt Klaus Wilmanns. Was nicht heißt, dass die beiden der Moderne entrückt arbeiten. Ein genialer Kniff der Inszenierung setzt ihrem Spiel das Krönchen auf: Mehrfach schauen die Zuschauer durch die Augen des Däumlings auf die Welt. Klaus Wilmanns führt eine kleine Video-Kamera, die live ihr Bild über einen Beamer auf eine Leinwand projiziert. „Daumesdick“ klettert die Mini-Strickleiter an der Kommode hinauf in sein Schlafzimmer, das Mama in einer Schublade eingerichtet hat. Als ihn später eine Kuh verschluckt, schauen die Kinder „iiiiiiiiihhh“ mit seinen Augen den Schlund hinab, geformt von der Hand des Schauspielers, während seine Partnerin in hohen Tönen die Schreckensrufe „Daumesdicks“ beisteuert. Nach knapp einer Stunde schließen Vater und Mutter ihr Söhnchen wieder in die Arme. Das war’s. Oder nicht? Silvia Pahl geht mit dem Winzling ins Publikum, setzt ihn auf die Hand eines Jungen. Andere wollen auch mal. „Daumesdick“ möchte den Kindergarten, die Schule kennenlernen. Klaus Wilmanns und Silvia Pahl erlauben es.Mission erfüllt. „Daumesdick“ und die Fantasie fahren mit den Kindern ...

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