Hessenfernsehen mit Talk-Format "Jetzt mal Klartext" zu Gast in Waldeck

Debatte um Waldecker Hähnchenmast-Anlage vor laufenden Kameras

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„Jetzt mal Klartext“ reden vorm hr-Wohnwagen,, umlagert vom Publikum (am Tisch von links): Moderatorin Julia Tzschätzsch, Madelon Koning, Andreas Grede, Moderator Daniel Mauke und Stefanie Wetekam.

Von Matthias Schuldt

Waldeck. Der hr-„Klartext“-Talk zu Gast in Waldeck: Auf die Moderatorenfrage „Wer von Ihnen ist gegen die Hähnchenmastanlage?“ reckten 75 bis 80 Prozent der rund 100 Gäste die Finger in die Höhe.

Gegen Ende einer von allen Seiten engagiert geführten Diskussion galt die Abstimmung einer anderen Frage: „Wer von Ihnen verzichtet auf Fleisch oder kauft allein deutlich teurere Bio-Ware?“ Die aufgezeigten Finger ließen sich an einer Hand abzählen, obwohl kein Zuschauer vorzeitig den gesperrten Parkplatz am Bürgerhaus verlassen hatte, der die Bühne für die Fernsehaufzeichnung bot.

Hähnchenmast-Anlage: „Rationales Verhalten“ der Verbraucher beim Griff zum Billigfleisch

Landwirtin und Talk-Gast Susanne Günther betreibt mit ihrer Familie eine Puten-Mastanlage in Dehringhausen. Sie begründete die intensive Tierhaltung mit den Funktionsweisen des Weltmarktes und nahm zugleich die Käufer in Schutz: „Ein solches Verhalten ist rational, denn Sie bekommen ein gutes Produkt zu einem niedrigen Preis.“

Doch was für den Einzelnen rational – vernünftig – und zugleich rationell – wirtschaftlich – erscheint, bedeutet für das große Ganze oft das Gegenteil. Dies schilderte der Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen Dr. Markus Schimmelpfennig, Abteilungsleiter des Gesundheitsamtes Kassel, am Beispiel von Antibiotika-Rückständen. Sie tauchen besonders im Grundwasser der norddeutschen Hochburgen der Fleischindustrie auf: „Bei 50 Prozent der tiefgefrorenen Enten, Puten oder Hähnchen finden Sie in der Auftauschale multiresistente Keime.“

Ärzte: Zahlen über Rückgang von Antibiotika-Einsatz in der Tiermast täuschen

Stefanie Wetekam, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes, hielt dagegen. Sie verwies auf die seit 2011 um 57 Prozent reduzierte Antibiotika-Gabe in der Tiermast sowie auf die Haustiere, die in den Statistiken mit enthalten seien, und auf die Antibiotika-Behandlung von Menschen.

Diese Zahlen täuschten in doppelter Weise über die große Gefahr für die Volksgesundheit hinweg, konterten Schimmelpfennig und die Hattersheimer Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies. Die Daten seien verzerrt, weil sie inzwischen mit veränderten Methoden erhoben würden. Und noch wichtiger: Bei den „Reserve-Antibiotika“ gebe es keinen Rückgang in der Tiermast. Diese hoch wirksamen Medikamente kommen zum Einsatz, wenn keine andere Arznei mehr gegen den Erreger hilft. Beide Mediziner nannten einen Anteil zwischen 75 und 90 Prozent, den Fleischproduktion am Antibiotika-Verbrauch in Deutschland habe. Sie züchte multiresistente, gefährliche Bakterien.

Ein Grund dafür: Die Erkrankung einer begrenzten Zahl von Tieren führt zur Behandlung eines gesamten Stall-Bestandes, etwa von 20 000 Hühnern, räumte Stefanie Wetekam ein. Beim Einstallen von 20 000 Küken für einen Mast-Durchlauf werde eine Hand voll auf mögliche Infektionen untersucht.

Nach diesem Muster diskutierten die Expertenrunde und das Publikum viele Aspekte der Intensivtierhaltung und des Waldecker Projekts. Eine Antwort auf die Henne-Ei-Frage brachte die Debatte nicht: Liegt der Ursprung für die Massenproduktion in der Billig-Strategie der Fleischindustrie oder in der Schnäppchenjäger-Mentalität der Käufer?

"Jetzt mal Klartext" zur Waldecker Hähnchenmastanlage läuft am 24. Oktober

Eine 45-minütige Fassung der knapp zwei Stunden langen Diskussion läuft am 24. Oktober im Hessenfernsehen. Zeit: 21 bis 21.45 Uhr.

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