Literarischer Frühling

Mit der eigenen Angst konfrontiert

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Waldeck - Diffus wirkt das rote Licht, das die alten Mauern beleuchtet. Auf einem schwarzen Tisch liegt weißer Knoblauch. Gut gewählt haben die Macher des „Literarischen Frühlings“ den Raum für die „Dracula“-Lesung, das Burgverlies in Waldeck.

Zu ihrer ersten Lesung vor Publikum ist Schauspielerin Felicitas Woll gern der Einladung in das jahrhunderte­alte Gewölbe gefolgt. „Sonst hört mir nur eine zu“, gibt die sympathische junge Frau zu und meint damit ihre kleine Tochter.

Der Erzählstil in Form von Tagebucheinträgen und Zeitungsartikeln und Kommunikation der Protagonisten über das, was der Einzelne aufgeschrieben hat, fasziniert Felicitas Woll. Die Geschichte von Graf Dracula des irischen Autors Bram Stoker spielt in Siebenbürgen (englisch Transylvania), was zur Veröffentlichung der englischen Erstausgabe in 1897 im Königreich Ungarn und heute in Rumänien liegt.

Klaus Brill, Journalist der Süddeutschen Zeitung und Korrespondent für Rumänien, führt die Gäste im Burgverlies zurück in die Zeit, als der Protagonist Jonathan Harker, ein Londoner Rechtsanwalt, mit der Bahn nach Siebenbürgen gereist ist und in Bistritz von einem Mann ganz in Schwarz abgeholt wird. „Wir befinden uns in einer Kutsche, die durch die Nacht fährt. Nebelschwaden wabern, Wölfe heulen…“ Und dann beginnt Felicitas Woll aus den Tagebucheinträgen von Jonathan Harker zu lesen. Mit ihrer einfühlsamen Stimme beschreibt sie, wie Harker sein Gefängnis im Schloss von Graf Dracula erlebt, sein Wunsch, all die seltsamen Ereignisse begreifen zu wollen.

Allein bei dem Wort „Mitternacht“ erschauern die Zuhörer. Harker beobachtet im Mondschein, wie Graf Dracula die Schlossmauer wie eine Eidechse hinunterläuft. „Gott bewahre mir den gesunden Verstand“, sagt er und sucht Ruhe in seinem Tagebuch.

Eines Nachts schläft Harker in einem verbotenen Raum ein. Er wird wach und sieht sich drei jungen Frauen gegenüber, die keinen Schatten auf dem Boden hinterlassen. „Fang an, fang an!“, flüstert Felicitas Woll energisch und gibt damit einer der Frauen ihre Stimme. „Bitterkeit steckte in der Süße, wie man sie in Blut vermutet“, hat Harker aufgeschrieben. Die leuchtenden Augen, das totenblasse Gesicht und die herrische Geste von Graf Dracula meint der Zuhörer vor Augen zu haben, als er sagt: „Wie dürft ihr es wagen, ihn anzurühren.“

Ohne Erzähler ist „Dracula“ nicht ganz einfach zu lesen. „Man muss es zweimal lesen, um es zu richtig zu verstehen“, sagt Felicitas Woll im Gespräch mit Klaus Brill, der nähere Informationen zur Entstehung des Romans liefert.

Zwischen einzelnen Passagen stellt er der Vöhlerin Fragen zu ihrem Werdegang. Als der Agent Frank Oliver Schulz sie in einer Korbacher Disco entdeckte, sei sie eher schüchtern gewesen. „Ich habe nicht auf Boxen getanzt“, sagt Woll schmunzelnd. Schlagartig war sie dann als „Lolle“ mit der Serie „Berlin, Berlin“ berühmt geworden. „Ich hatte mich nicht damit auseinandergesetzt, plötzlich bekannt zu sein“, gibt die Schauspielerin zu. Ein Jahr sei sie mit dem Blick nach unten durch die Straßen gegangen.

Nach vier Jahren Drehzeit verließ sie dann die Serie und suchte neue Herausforderungen. Sie beschreibt das Casting für den Zweiteiler „Dresden“, in dem sie tanzen sollte, ganz allein in einem riesigen Raum. „Für Scham war keine Zeit, ich habe meine Gefühle zugelassen und einfach getanzt“, sagt Woll.

Zum ersten Mal wusste sie sofort, dass sie die Rolle bekommen würde. Die Schauspielerin, die ihre Leidenschaft zum Beruf machte und die sich nicht in eine Schublade stecken lässt, hat Bertha Benz in dem Film „Carl und Bertha Benz“ gespielt. „Frauen darzustellen, die etwas bewirkt haben, fasziniert mich.“

Offen beantwortet Felicitas Woll die Fragen von Klaus Brill, spricht von ihrer Suche nach Ruhe, wenn sie für eine längere Zeit in der Stadt lebt, und wie sehr sie sich dann wieder auf ihr Zuhause auf dem Land freut. Die Ehrlichkeit von Menschen mit Down-Syndrom beeindruckt sie. Ihr Bruder hat diese Genveränderung. Es ist ihr ein Bedürfnis, die Menschen darüber mehr zu informieren.

„Dracula“ gehört für Felicitas Woll auf jeden Fall zu den Büchern, die man gelesen haben muss. Sich mit der eigenen Angst auseinanderzusetzen, sei eine besondere Herausforderung.

Am Ende gab es lang anhaltenden Applaus und viele Zuhörer ließen sich Autogrammkarten signieren.

Von Sabine Degenhardt

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