Grünen-Antrag zur Rehabilitierung der Opfer von Wildunger Hexenprozessen

„Eine Aufgabe für Historiker“

Bad Wildungen - Eine Unterrichtsstunde in Heimatgeschichte zur Zeit der Hexenprozesse bot die öffentliche Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am Montagabend. Die Zuschauer staunten über die detailreiche Debatte fern der aktuellen Politik, und die Fraktion Bündnis 90/Grüne erlebte, wie ihr Antrag zur Rehabilitierung der Bad Wildunger Opfer eine überraschende Wende nahm.

Die Grünen griffen die Anregung des Unnaer Pfarrers auf und forderten, den Opfern der Hexenprozesse ihre Würde und Ehre zurückzugeben. Das sei bereits in etlichen Städten erfolgt, betonte Fraktionsvorsitzender Klaus Stützle. In Bad Wildungen hätten sich vor rund elf Jahren die Kirchen dieser Verantwortung gestellt, aber die Politik habe es bis heute verpasst, die Opfer zu rehabilitieren, monierte der Abgeordnete.

Eine Liste mit 78 Namen erinnerte an Opfer Wildunger Hexenprozesse zwischen 1532 und 1664. Das Thema „aus dunklen Zeiten“ sei auch heute aktuell, schlug er den Bogen zu Pegida-Demonstrationen und Ausländerfeindlichkeit und warb um Unterstützung zur Rehabilitierung der Opfer von Hexenprozessen.

Die versagte postwendend die Union. „Sind wir überhaupt das richtige Gremium dafür?“, daran zweifelte CDU-Sprecher Dr. Edgar Schmal. Kein Stadtverordneter könne nachvollziehen und garantieren, dass damals alle Wildunger Opfer zu Unrecht verurteilt wurden. „Das ist eine Aufgabe für Historiker“, meinte Schmal.

„Aus dem Geist der Zeit heraus“

Die Opfer hätten ihre Menschenwürde und Ehre nicht verloren, betonte Dr. Hans Schultheis (FWG). „Sie wurden aus dem Geist der Zeit heraus für schuldig befunden.“ Im 15., 16. und 17. Jahrhundert herrschte ein geistiges Klima, das solche Verfolgungen begünstigte, skizzierte er ausführlich das Umfeld, das von Elend, Kriegen, Volksseuchen, Armut und fehlendem Wissen geprägt war.

Wer die Prozesse aufarbeiten wolle, „darf nicht nur an die Opfer denken, sondern im gleichen Atemzug muss man die Richter ebenfalls verurteilen oder aber beurteilen“, stellte Schultheis klar und gab einen Denkanstoß: „Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Nutzung der Atomenergie mit ihren jahrhundertelangen Strahlungsfolgen zu einer völligen Verurteilung unserer Zeit führt, und dann kommt einer her und will die Strahlungsopfer rehabilitieren.“

Er begrüßte jedoch die Anregung der Grünen zu einem bedeutenden Kapitel der Stadtgeschichte und stellte einen Änderungsantrag. Darin werden Bürgermeister und Magistrat beauftragt, Überlegungen für eine ständige Ausstellung im Quellenmuseum zu entwickeln.

Hexenproben und Infotafeln

Die Ergebnisse sollen in Finanzausschuss und Kulturkomission diskutiert werden. Walter Mombrei (SPD) nickte zustimmend in Richtung von FWG und Grünen: „Ich glaube, der Antrag hätte es verdient.“ Das Parlament stimmte dann auch einstimmig zu. Laut Bürgermeister Volker Zimmermann ist ein erhebliches Stück Vorarbeit bereits geleistet. „2004 gab es in Bad Wildungen eine Veranstaltungsreihe von Stadt, evangelischen Kirchengemeinden, Volkshochschule und Waldeckischem Geschichtsverein, die befasste sich in mehreren Veranstaltungen sehr intensiv mit der Hexenverfolgung in Bad Wildungen.“

In Wildungens Museumslandschaft sind die Hexenprozesse längst ein Thema. „Im Stadtmuseum gibt es bereits eine Dokumentation über die Zeit der Hexenprozesse“, stellte Museumsleiter Bernhard Weller gegenüber der WLZ klar. „Auf drei Informationstafeln werden dort das Gerichtsverfahren in allgemeiner Form, das Einzelbeispiel der Anna Marie Curtze sowie die verschiedenen Hexenproben dargestellt.“ Dort werde auch die richtige Zahl der 68 verurteilten und hingerichteten Menschen genannt.

Außerdem gibt es ein Faltblatt zum Thema und für die Schulen eine Zusammenstellung mit Materialien für den Unterricht. „Das Stadtmuseum war natürlich auch an der großen Veranstaltungsreihe 2004 beteiligt“, sagte Weller.

Von Conny Höhne

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