Fortbildungsveranstaltung mit Hintergründen zur Fluss-Renaturierung 2013

Eine freiere Eder reinigt sich

Das erste Projekt der Renaturierung nahe der Bergheimer Kläranlage hat schon Gestalt angenommen.Foto: Schuldt

Edertal - 900 000 Euro kostet es, der Eder ein Stück Freiheit wiederzugeben. 80 Prozent zahlt das Land, den Rest die Gemeinde. Die Renaturierung war gestern Thema einer Fortbildung im DGH Affoldern.

Die Investition lohnt sich, meinen die Fachleute einstimmig. Sie stärke die Selbstreinigungskraft des Flusses. Dringend nötig, weil der Affolderner See ein krankes Gewässer ist und bleibt. Die Abwässer, die aus der Kläranlage in ihn hineinfließen, überdüngen den See seit Jahrzehnten. Schlamm lagert sich mangels Strömung ab.

Bei geringem Wassernachschub aus dem Edersee im Sommer machen Sauerstoffmangel, ansteigende Säurewerte und in der Folge Krankheiten den Pflanzen und Tieren zu schaffen.

Diese Hypothek reicht der See an die untere Eder weiter. Dem Vorstaubecken ist nicht zu helfen, aber ein starker Fluss kann den Ballast, den er übernehmen muss, verarbeiten.

Ausgedehntere Uferzonen sollen die Eder stärken. In sie hinein darf sich das Flusswasser künftig wieder ausdehnen. Bagger leisten lediglich Anschubhilfe, macht Thomas Paulus von der Fortbildungsgesellschaft für Wasserwirtschaft und Landesentwicklung deutlich; den Rest erledige die Eder selbst: „Wir müssen weg von der Bautechnik, mit der wir einen Zustand schaffen und zu erhalten versuchen. Wenn der Fluss sich stets im Wandel befindet – dann lebt er. “ Natur Natur sein lassen – das kennen die Edertaler von ihrem Nationalpark.

Die gewünschten Veränderungen – die Wiederkehr von Lebensräumen wie Stillwasserzonen, Kiesinseln oder Schilfufern – brauchen aber Zeit; Jahre und Jahrzehnte. Wie lange genau, ist unvorhersehbar. Mit Glück geht es rascher, wie unterhalb der Wellener Sohlgleite binnen weniger Jahre. Hier präsentiert sich die Eder mit bröckelnden Steilufern und Kiesbänken wieder als naturnaher Mittelgebirgsfluss. Dort, wo die Bagger im kommenden Jahr die Uferzonen im Zuge der Renaturierung zwischen Bergheim und Anraff erweitern, stoßen sie auf groben Kies: den angestammten Wasserfilter der Eder. Er wurde über eine halbe Ewigkeit hinweg angeschwemmt, fiel nach dem Eingriff des Menschen – der Flussbegradigung – trocken und verschwand im Boden.

Nachschub, der über Jahrtausende aus der oberen Eder bei Hochwässern folgte, bleibt seit dem Bau der Sperrmauer ebenfalls aus. Durch Oberflächenvergrößerung trägt Kies zum Abbau von Nährstoffen bei. Er versorgt Bakterien und andere hungrige Mikroorganismen mit ausreichend Sauerstoff für ihren Stoffwechsel. „Wir transportieren den bei der Renaturierung anfallenden Kies darum nicht ab, sondern geben ihn dem Fluss zurück“, erklärt Günther Sander vom Regierungspräsidium. Der zweite große Nutzen der 900?000 Euro-Aktion liegt im Hochwasserschutz. Kann sich der Fluss ausdehnen, fließt er langsamer.

Das Wasser verteilt sich, tritt nicht mehr so schwallartig über die Ufer. Das Risiko nasser Keller für die Anlieger sinkt, so das Kalkül. Bei manchen Anwohner bleibt aber Skepsis, besonders mit Blick auf befürchtete Mückenplagen.(su)

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