Lieselotte Heemstra erinnert sich an einen Geburtstag mit tierischen Folgen

Mit einem Käfer ist man nie allein

Bad Wildungen - Einst schnödes Fortbewegungsmittel, inzwischen Kult: der Käfer. Zu ihrem 40. Geburtstag hat die Lebenshilfe einen roten Käfer als Gewinn ihrer Lotterie ausgeschrieben. WLZ-FZ unterstützen die Aktion und laden Leser ein, ihre Geschichten mit dem Kult-Wagen zu erzählen. Heute Lieselotte Heemstra aus Bad Wildungen.

Lang ist‘s her: 1984 leistete sich Lieselotte Heemstra einen grünen VW-Käfer, Baujahr 1969, für rund 2000 Mark. Jeden Morgen stand der grüne Käfer geparkt vor der Scheune, bereit, die Mutter von zwei Kindern an die Arbeit zu kutschieren.

So ist es auch am Morgen des 23. Februar. Der Sohn der Käfer-Fahrerin hat Geburtstag und kann das Auspacken der Geschenke nicht abwarten. Die Mutter gerät Zeitdruck, um pünktlich zum Dienst zu kommen. Um 7 Uhr - es ist noch dunkel - eilt sie zu ihrem Wagen und braust mit allem, was der 34 PS starke VW-Motor zu bieten hat, vom Hof.

Blinde Passagiere

Lieselotte Heemstra biegt auf die Bundestraße ein und nimmt in Eile einem anderen Autofahrer „etwas die Vorfahrt“, wie sie heute amüsiert erzählt. Das bringt den Unbekannten offenbar auf die Palme. Er fährt fast auf die Stoßstange auf und betätigt in regelmäßigen Abständen das Fernlicht seines Wagens. „Was soll denn das? Ist doch kein Grund so dicht aufzufahren und ständig Lichthupe zu machen“, ärgert sich die aufgebrachte Fahrerin. So geht das Spielchen weiter bis zum Wildunger Stadtring, der damals eine Einbahnstraße ist. Auf dem Riesendamm überholt der Drängler und bremst Heemstra auf Höhe des Parkhauses aus.

Spätestens jetzt ist klar: Pünktlich schafft sie es nicht mehr, und das nur wegen eines sturen Autofahrers der ihr sicher die Leviten lesen will. „Als der Fahrer vor mir ausgestiegen ist, war mein erster Gedanke: Ist der betrunken?“ Der Mann krümmt sich, umklammert seinen Bauch - und prustet vor Lachen. Er geht auf die Frau am Steuer des grünen Käfers zu und fordert die rasante Fahrerin auf, auszusteigen. Sie sollt einen Blick auf das Heck des VW zu werfen, drängt er. Nach kurzer Diskussion willigte sie ein und geht mit dem Mann um ihren Käfer herum. Da kann er sich nicht mehr halten vor lachen, und Lieselotte Heemstra traut ihren Augen nicht: Zwei Hühner sitzen dicht beieinander auf der Heckstoßstange und schauen mit großen Augen drein. „Sie sahen sichtlich mitgenommen von der brisanten Spritztour aus“, beobachtete die Chauffeuse, aber klammerten sich fest an die silberne Stoßstange. „Der Mann erzählte mir, er sei so dicht aufgefahren und habe so oft das Fernlicht betätigt, weil er selbst nicht glauben konnte, was er im frühen Morgengrauen mit seinen einenen Augen sah“, erinnert sich Lieselotte Heemstra.

Sie ließ die beiden blinden Passagiere dort sitzen, brachte sie nach Hause und kam zu spät zur Arbeit.

Von Andreas Lewen

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