Frischquak

Einstein ist‘s

Bad Wildungen - Seit Albert Einstein wissen wir: Zeit ist relativ. Nie hatte die Erkenntnis eines Forschers größere Relevanz für unser Alltagsleben, lässt sie uns doch rätselhafte Phänomen wie dieses verstehen:„Schatz, ich bin in zwei 
Minuten fertig!“, sagt mein Hausengel. „Papa, ich komme gleich, 
ich muss gerade noch meine Haare fertig machen ...“, sagt der kleine Hausengel.

Während im Wartestand draußen bei mir im Auto der Minutenzeiger von der sechs zur zehn rast – mir diese 20 Minuten unendlich 
erscheinen – sind vor den Spiegeln gefühlt keine 20 Sekunden vergangen, schleicht die Engelzeit schnecken-
gleich, dehnt und dehnt sich. Was tun, um sie mit Ter-
 minen draußen zu harmonisieren? Dehnungsfugen einziehen, rät mir Einstein. Hab‘ ich getan. Ich habe sämtliche Uhren im Haus, im Wagen, in den Handys vorgestellt. Das nutzt sich ab, werdet Ihr sagen. Motto: Die Uhr geht vor, wir haben noch fünf 
Minuten ... Einstein lächelt und streckt seine Zunge raus – denn 
ich habe alle Chronometer unterschiedlich verstellt. Die Backofenuhr in der 
Küche ist ihrer Zeit um sieben bis acht Minuten voraus, im Esszimmer sind die Zeiger der großen Quartzuhr 
12 Minuten und 30 Sekunden weiter als die Mittel-
europäische Zeit. Die Handys eilen zwischen drei und 
acht Minuten vorweg, am Fernseher im Wohnzimmer ließ ich gleich die Sommerzeit stehen (am 30. März führe ich natürlich die doppelte Sommerzeit ein), und die 
Uhr im Auto liegt irgendwo dazwischen. Das soll meine Engel ausreichend verunsichern darüber, was die Glocke tatsächlich geschlagen 
hat, und sie zur Eile motivieren. Allerdings muss ich zugeben (Einstein gähnt leicht): keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Wenn unser Sohn, von den Mühen des Studiums in der Fremde gezeichnet, mal wieder zu Hause weilt, nach dem Aufstehen früh morgens um 11.30 Uhr den Kühlschrank ansteuert (an der Backofenuhr vorbei), sich mit seinem Frühstück ins Esszimmer setzt (unter die Quartz-Uhr), um anschließend den Fernseher einzuschalten (mit der Sommerzeit), hat er sage und schreibe drei Zeitzonen durchmessen. In der Folge 
erfasst ihn unser hauseigener Jet-Lag mit Wucht, und hemmungslos ermüdet schleppt sich Sohnemann alsbald, 
begleitet von Einstein, zurück in seine Schlafkammer. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Gilt auch für mich. Denn die Uhr in der Redaktion geht nach. Was ich – gewöhnt an Einsteins Dehnungsfugen daheim – gerne vergesse und beim Blick auf die Zeiger denke: Einen Moment hast du 
ja noch ... So bin ich als notorischer Zuspätkommer berüchtigt.Seht es mir nach, Einstein ist schuld, bittet

Euer Ederlurch

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