Wie die venezianische Dame 1945 in Wildungen verschwand und 70 Jahre später nach Kassel zurückkehrte

Die Entführung der Schönen in Öl

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Die venezianische Dame schaut Dr. Justus Lange bei dessen Erläuterungen über die Schulter. Die Kabinettsausstellung in der Gemäldegalerie erklärt die Geschichte der verschwundenen und nur in Ausnahmen zurückgekehrten Bilder. Vom Kunstwerk rechts ist im ramponierten Originalrahmen nur eine Foto-Replik zu sehen.Fotos: Schuldt

Bad Wildungen/Kassel - Zweimal überquerte sie den großen Teich: in den Wirren nach 1945 wahrscheinlich heimlich still und leise; 70 Jahre später hochoffiziell mit eigens beauftragtem Spezial-Transportunternehmen und begleitet von aufwendigen Zollformalitäten.

Die venezianische Dame eines unbekannten Malers aus dem 16. Jahrhundert hat wieder ihren Platz eingenommen in der Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe. Kurz nachdem die amerikanischen Truppen in Bad Wildungen einmarschiert waren, verschwand sie für sieben Jahrzehnte aus dem Blickfeld, entführt aus einem Luftschutzkeller.

Replik statt Original

Im Kasseler Schloss hängen mit ihr in einem Kabinett weitere Bilder, die damals in der Kurstadt untergebracht waren, gestohlen wurden, auf verschlungenen Pfaden des Kunstmarktes zurückkehrten oder bis heute verschollen sind, vertreten durch Foto-Repliken. Info-Tafeln erläutern das Geschehen von 1945 (siehe „Hintergrund“).

Das Leben schreibt spannendere Krimis als mancher Bestseller-Autor, schilderte Dr. Justus Lange von der Gemäldegalerie Alte Meister, als gestern die kleine Ausstellungsfläche offiziell fürs Publikum im Schloss Wilhelmshöhe freigegeben wurde.

Ungeklärte Wege

„2013 erhielt ich plötzlich einen Anruf“, erinnerte er sich. Am anderen Ende der Leitung erkundigte sich ein Mitarbeiter von Sotheby’s nach der so lange vermissten venezianischen Dame. Auf dem US-amerikanischen Markt sei ein Gemälde aufgetaucht, das der Beschreibung entspreche, die der 1965 erschienene Buchklassiker „Verlorene Werke der Malerei“ gibt. Wie in vielen ähnlichen Fällen bleibt ungeklärt, welche Wege das Ölgemälde damals aus Bad Wildungen nahm, wie es in die Hände dessen kam, der es dem Kasseler Museum offerierte.

„Verhandlungen über eine Rückkehr von Bildern ziehen sich hin, manchmal über Jahre“, erklärte Lange. Eher kurz fiel daher für die unbekannte Schöne in Öl die Wartezeit aus zwischen dem ersten Anruf 2013 und ihrer Wiederkehr 2015. Bei einem anderen in Wildungen gestohlenen Bild lagen zwischen dem Erstkontakt 1965 und der Rückreise neun Jahre.

Auktionshäuser sind häufig mit im Spiel, Generalkonsulate unterstützen die Kunstexperten der Museen. Nicht zuletzt geht es ums Geld. Viele Angebote liegen für Museen außerhalb des finanziell Machbaren. Das traf aber nicht auf die venezianische Dame zu. Die amerikanischen Besitzer hatten sie gut gepflegt, sie selbst und den Rahmen restaurieren lassen.

Fairer Preis

„Geschenkt bekommt man so ein Bild nicht“, sagte Professor Dr. Bernd Küster, Leiter der Museumslandschaften Hessen-Kassel. Der Preis für die Dame sei unter diesen Umständen aber ein sehr fairer gewesen. Rasch habe sich die Sparkassen-Kulturstiftung bereit erklärt, die Kosten für Ankauf und Rücktransport des Kunstwerks zu tragen.

Hintergrund

Bad Wildungen sollte im Dritten Reich als Luftwaffenhauptquartier dienen. Diese Rolle nahm es nie ein, doch rasch nach Kriegsbeginn 1939 entschieden sich die Verantwortlichen der Staatlichen Museen Kassel, viele ihrer Schätze in die Bunker der Badestadt auszulagern. Man wähnte sie auch nach dem Einmarsch der Amerikaner 1945 dort sicher, weil die Luftschutzkeller unter der Obhut des Militärs standen. Einer dieser Keller lag unter der einstigen Kurverwaltung, im ehemaligen Hotel Goecke, das östlich an den Fürstenhof grenzte. In diesem Keller wartete auch die venezianische Dame auf friedlichere Zeiten. Felix Pusch, Verleger der „Wildunger Zeitung“ und eine politisch widersprüchlich-zweiwertige Figur mit rechtskonservativer Grundhaltung und guten Kontakten, war 1939 auf Bestreben des Bezirkskonservators beteiligt am Einlagern der Gemälde in Wildungen. Schon kurz vor Kriegsende knüpfte er an diese Aufgabe wieder an. Er korrespondierte mit den Museen in Kassel, führte amerikanische Offiziere zu den Lagerstätten – wo auf alle Beteiligten eine böse Überraschung wartete. Sein Tagebuch wertete Dr. Justus Lange gemeinsam mit dem Wildunger Kulturbeauftragten Bernhard Weller für die Ausstellung in der Gemäldegalerie Alte Meister aus. Unter dem 24. April 1945 notiert Pusch: „In dem Keller waren die Lichtleitungen zerstört. Streichhölzer waren unsere einzige Beleuchtung. Wir stellten fest, dass die Stahltür mit starkem Sicherheitsschloss mittels eines Schweißapparates geöffnet war. In dem Raum standen nur noch sieben Bilder und ein leerer Rahmen. In den anderen Kellerräumen war ein wüstes Durcheinander. Alle Akten und Geschäftsbücher der Kurverwaltung waren aus Regalen und Schränken herausgezerrt und lagen auf dem Boden. Auf diesen Haufen lagen oder standen die kostbaren Bilder herum, waren zum Teil durchgestoßen oder zerschnitten. Eine Anzahl leerer Rahmen und Keilrahmen zeugte von Diebstählen.“ Der Vandalismus zeige, „dass es nicht nur um Bereicherung ging“, sagt Dr. Justus Lange. Ähnlich wie aktuell irakisches Kulturerbe wurde Kunst 1945 in Bad Wildungen zur Zielscheibe von Gewalt. Einen Tag später brachte Pusch die verbliebenen Bilder mit einem Pferdefuhrwerk in den Bunker Breiter Hagen. Beim Durchstöbern des Kellers in der Kurverwaltung war er auf weitere Kunstwerke gestoßen, von den Dieben hastig versteckt hinter Türen und Schränken. Pusch geriet selbst in Verdacht, Gemälde gestohlen zu haben, berichtet Justus Lange, „doch er wurde gegen diese Anwürfe seitens der Staatlichen Museen verteidigt“.

Von Matthias Schuldt

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