Land, Leute, Eder: Was sollte bei der Anlage der Nieder-Werber Vorbecken mit den versinkenden Gebäud

„Entstehung von Fäulnisherden vermeiden“

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Blick auf die beiden Vorbecken im Bau.Repros: Jörg Schüttler

Edersee - Die zwei Nieder-Werber Vorbecken wurden so konstruiert, dass sie unabhängig vom Pegelstand des Edersees Wasser führten. Der Ort blieb so verschont von Schlammlandschaften, die anderenfalls bei Niedrigwasser in der Talsperre entstanden wären. Doch was sollte aus den Bauten werden, die in den kleinen Seen versanken?

Der verantwortliche Regierungsbaumeister Karl Thürnau betont in seinen Aufzeichnungen, dass der Abbruch der künftig unter Wasser liegenden Gebäude eine der wichtigsten Aufgaben bei der Anlage der Vorbecken war, wodurch man vor allem die „Entstehung von Fäulnisherden“ vermeiden wollte. Dazu gehörten aber auch „die Zuschüttung der Kellerlöcher, Brunnen, Jauche- und Abortgruben und der sonstigen Unebenheiten sowie die Entfernung aller Aufstände wie Hecken, Zäune, Bäume, Sträucher usw., und die Beseitigung alles hierbei anfallenden organischen Materials.“ Viele noch verwendbare Utensilien wurden verkauft, das noch brauchbare Material verwendeten die Nieder-Werber zum Bau ihrer neuen Häuser.

Abrissmaterial für die Uferbauten wiederverwendet

Über die weiteren Arbeiten berichtet Thürnau: „Die stehen gebliebenen Reste, meistens die festgefügten Grundmauern, wurden sodann bei der Inangriffnahme der Bauarbeiten von dem Unternehmer beseitigt, der das angefallene verwendbare Material zur Ausführung der Kunstbauten oder Ufersicherungen benutzte, während das nicht mehr verwendbare zur Ausfüllung der Löcher und Unebenheiten diente. Das dann noch übrig gebliebene morsche Holzwerk, Baumzweige, Strauchwerk wurde gesammelt und verbrannt.“

Auch die Erhöhung von zu tief liegenden Straßen nahm viel Zeit in Anspruch: „Aufgehöht wurden die Dorfstraße nebst der anschließenden Strecke der Chaussee, die Wege nach Basdorf und Waldeck, der alte Friedhof sowie Flächen westlich der Dorfstraße und an der Einmündung des Werbe- und Reiherbaches in die Vorbecken.“ Das Material für die Aufhöhung kam aus Grabungsarbeiten innerhalb der Vorbecken.

Gegen eine Überstauung ihres alten Friedhofes erhoben die Nieder-Werber Einspruch. Thürnau: „Zu einer Ausgrabung und Ueberführung der Leichen nach dem neuen Friedhof mochte man sich nicht entschließen, weil peinliche Vorkommnisse beim Herausnehmen der nicht fest gefügten Särge befürchtet wurden und hinzugezogene Sachverständige abgeraten hatten. Man kam daher mit der Gemeinde überein, den Friedhof bis zu 1 m über dem normalen Stauspiegel der Talsperre aufzuhöhen und die aufgenommenen Grabsteine und Einfriedungen genau senkrecht über den alten Grabstellen wieder aufzurichten. Außerdem wurde der Friedhof mit Hecken eingefriedet, unter Rasen gelegt und wieder in einen würdigen Zustand versetzt.“

Auch eine Sicherung der Uferböschung mit widerstandsfähigem Material erwies sich als notwendig. Der Straßendamm wurde als Sperrdamm für die beiden Vorbecken gebaut, dessen Kronenbreite sieben Meter und dessen Höhe 6,2 Meter betrug. Als Dammschüttungsmaterial wurde sandiger Lehm verwendet, der aus den Abgrabungen in den Vorbecken stammte.

Thürnau wies darauf hin, dass noch ein weiterer Nutzen ins Auge gefasst wurde: „Der teichähnliche Charakter der Vorbecken, die Möglichkeit, sie gänzlich zu entleeren, der gleich bleibende Wasserstand, ferner die Aussicht, durch die Einführung der Dorfabwasser gute Nahrungsverhältnisse für Fische zu erhalten, und schließlich der Umstand, daß ehedem Werbe- und Reiherbach gute Forellengewässer gewesen waren, ließen die Vorbecken für die gedeihliche Entwicklung eines Fischbestandes und zur Fischereinutzung besonders geeignet erscheinen.“ Dementsprechend sind bis zum Erscheinungsjahr des Artikels 1925 die beiden Vorbecken „mit Forellen, Karpfen und Schleien besetzt worden. Zur Verhinderung des Abwanderns der Fische ist … die Leerlauf- und Ueberlaufeinrichtung mit einem 2 cm weiten Rechen aus Eisenstäben vergittert.“

Die gesamten Baukosten für die beiden Vorstaubecken betrugen 325000 Reichsmark, davon entfielen allein 132000 Mark auf Erd- und Rodungsarbeiten und 44000 Mark auf Böschungsarbeiten. Das Wehr am Reiherbach kostete 52000 Mark, das an der Werbe war mit 22000 Mark wesentlich günstiger. Am Schluss seines Aufsatzes zieht Thürnau das günstige Fazit: „Die vorgeschilderten Einrichtungen sind in den Jahren 1912 bis 1914 ausgeführt. Seit dem Jahre 1914 ist die Talsperre im Betrieb und in jedem Jahre voll gefüllt gewesen. Nirgends haben sich irgendwelche Schäden gezeigt, ja nicht einmal Geruchsbelästigungen sind zu verzeichnen gewesen.“

100 Jahre nach dem ersten Anstau taucht als neue Touristen-Attraktion im Vorbecken wieder ein Kirchturm auf. Er erinnert an das alte Dorf und seine Kirche, die dem Wasser weichen mussten.

Literatur: Thürnau, Karl: Die Anlagen und Einrichtungen zur Verhütung von Stauschäden im Gebiet der Walde-cker Talsperre. In: Zeitschrift für das Bauwesen, 75. Jahrgang, Berlin, 1925. S. 113–124. Dank für Hinweise und Beschaffung von Literatur an Karl-Heinz Vogelgesang, Nieder-Werbe.

Von Jörg Schüttler

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