„Fairer Wettbewerb nicht mehr gegeben“

Wellen - „Gasthaus trifft Rathaus“ – unter diesem Titel diskutierten Wirte und Pensionsbetreiber mit Bürgermeistern und Touristikexperten und zeigten auf, wo der gastronomische Schuh drückt.

„Eine volle Gaststube, das ist es, was wir uns sonst auch immer wünschen“, sagte Gerald Kink, Präsident des Dehoga-Verbands in Hessen, zum Auftakt des Gesprächs im Wellener Gasthaus „Zum grünen Kranz“. Das Lokal in fünfter Generation der Familie Zorn steuert seinem 140. Geburtstag in 2016 entgegen. Von Betrieben wie diesen gibt es immer weniger in Hessen. In zwölf Jahren sank die Zahl von 3000 Gasthäusern, Gaststätten und gutbürgerlichen Restaurants auf 1800. Die Schraube werde sich noch weiter drehen, prophezeite Dehoga-Geschäftsführer Julius Wagner. Ähnlich wie der Weg vom Tante-Emma-Laden zum Einkauf beim Discounter und im Internet sei der Trend in der Gastronomie nicht aufzuhalten. Treue Stammgäste in Wirtsstuben gibt es immer weniger. Gleichzeitig wird der Ruf nach Einkehrmöglichkeiten in Ferienregionen laut. Das Thema treffe den Nerv der Zeit, bescheinigte Erster Kreisbeigeordneter Jens Deutschendorf. In der Tourismus-Hochburg Waldeck-Frankenberg sei es das Bestreben, eine große Angebotspalette bereitzuhalten. Das Beispiel der Graf-Stolberg-Hütte im Upland zeige, dass sich unternehmerischer Mut auch lohnen kann. Es gelte, Trends und Entwicklungen stets zu verfolgen, empfahl Claus Günther, Geschäftsführer der Edersee-Touristic. Gäste am Edersee vermissten ausreichende Einkehrmöglichkeiten und kritisierten, dass Ruhetage oft am selben Wochentag eingelegt werden. Das könnte mit einer App fürs Handy gelöst werden. Was sich die Gemeinde Edertal von der Gastronomie erhofft, skizzierte Bürgermeister Klaus Gier. „Wir haben ein Problem, die Gäste optimal zu versorgen. Die Gastronomie ist ein wunder Punkt.“ Sein Frankenauer Amtskollege Björn Brede zeigte sich zufrieden über drei Gastwirtschaften in der 1500-Einwohner-Stadt. Wie schwer es ist, ein Lokal mit einer „schwarzen Null“ zu führen, das erkannte der Lichtenfelser Bürgermeister Uwe Steuber bei der Bürgergenossenschaft in Dalwigksthal. Seit in dem 150-Einwohner-Dorf Dorfgemeinschaftshaus und Gastwirtschaft geschlossen sind, wird eine „Bürgerkneipe“ geführt. Gezahlt werde keine Pacht, aber der Mindestlohn fürs Personal. Und trotzdem klemmt es in der Kasse. „Wir mussten schon zweimal den Bierpreis anheben.“ Steuber, der die Problematik auch aus seinem Ehrenamt als Sportkreisvorsitzender kennt, riet zum offenen Dialog mit den Vereinen am Ort. „Der Verein kann sein Fest feiern und trotzdem die Gastronomie stärken.“ Ein Gastwirt aus Frielendorf kritisierte, dass bei Veranstaltungen von Vereinen andere Maßstäbe angelegt würden als in der Gastronomie. Das unterstrich ein Berufskollege aus Dodenau: „Wenn sich bei uns jemand den Magen verdirbt, dann wird uns der Laden dicht gemacht – bei ehrenamtlichen Betreibern passiert nichts.“ Eine Wirtin aus Frankenau stöhnte über die Kostenexplosion, die unter anderem für Brandschutz oder zur Prävention von Legionellen erwartet werde. „Wenn man sieht, was auf uns zukommt, kann man nicht noch in den Betrieb investieren.“ Mit Essenspreisen von Wildunger Kliniken oder einem subventionierten Lokal wie dem der Lebenshilfe könne die Gastronomie nicht mithalten, argumentierten andere. „Der faire Wettbewerb ist nicht mehr gegeben.“ Raummieten für Bürgerhäuser seien zu niedrig, damit könnten Gastwirte nicht konkurrieren. Anregung: Die Politik sollte nicht nur in Rad- und Wanderwege investieren, sondern die Leistungsträger stärken. Aber gezielt, forderte eine Wirtin mit Blick auf den kleinen Wildunger Stadtteil Armsfeld. Dort sei neben einer bestehenden Gastwirtschaft ein zweites Lokal gefördert worden. „Das Geld wäre für einen anderen Ort ohne Lokal viel sinnvoller angelegt.“ Hartmut Reiße vom Hessischen Tourismusverband vermisste die Wertschätzung der Gastronomie in der Bevölkerung. Fehlende Nachfolger und Auszubildende sieht er als größte Probleme der Branche.Das zunehmende Gasthaussterben zeigt offenbar auch im Hotel- und Gaststättenverband Bad Wildungen und Umgebung bereits Auswirkungen. Vorsitzender Christian Gerlach berichtete aus seinem Hotel-Restaurant in Nieder-Werbe: „Gerade in der Hauptsaison sind wir so ausgelastet, da kommt es vor, dass wir Gäste wegschicken müssen.“ Von Conny Höhne

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