Europaweit wohl einmaliger Versuch

Felsen für freie Geier im Wildtierpark – Video und Bildergalerie

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Edersee - Des Geiers neues Paradies im Wildtierpark wiegt 85 Tonnen, ist zwölf mal drei Meter groß und vier Meter hoch. Ein Felsen, so sicher wie die Burg Waldeck, die im Hintergrund über dem See thront. „Meines Wissens gibt es so etwas in ganz Europa nur bei uns“, sagt Ludger Kluthausen.

„Ein Experiment“, fügt der Falkner hinzu, denn auf dem künstlichen Felsen, zusammengefügt aus Weser-Buntsandsteinen, leben zwei Gänsegeier fortan völlig frei(willig). „Sie können jederzeit davon fliegen, dieses Risiko gehen wir ein“, erklärt der Chef der Greifenwarte im Wildtierpark.

Das eine der beiden Männchen befindet sich seit 30 Jahren in der Obhut von Falknern. Kluthausen übernahm es von einem anderen Park. Der zweite Gänsegeier stammt aus Südeuropa, wurde am Himmel über Gießen angeschossen und in der Universitäts-Tierklinik notoperiert. Die Behörden suchten nach einem geeigneten Zuhause für den nicht mehr voll flugfähigen Zugereisten und fanden es in der Greifenwarte am Edersee. In ihrer zweiten Funktion als Schutzstation pflegt die Warte alljährlich im Durchschnitt 70 verletzte, wilde Greifvögel gesund und entlässt sie wieder in Freiheit – alles ehrenamtlich.

„Wir versuchen, ein Gleichgewicht zu finden, dass die Gänsegeier einerseits stets ausreichend satt sind und andererseits Appetit behalten, einen Leckerbissen anzunehmen“, erklärt Ludger Kluthausen. Gelingt das, bleiben die Geier hoffentlich und kehren zurück, wenn sie mal ausfliegen, „weil sie wissen, dass der Tisch gedeckt ist.“

Eine willkommene Sensation wäre es, wenn ein Gänsegeier aus Spanien oder Italien beim Überfliegen des Edersees auf seine Artgenossen und den Felsen aufmerksam würde. Motto: Wo deinesgleichen sitzt, da lass dich nieder, dort gibt’s was zu speisen.

Durchaus möglich, meint Wolfgang Lübcke, Vorsitzender des Naturschutzbundes (NABU) Edertal: „Dreimal wurden Gänsegeier in unserer Region in jüngerer Zeit gesichtet und fotografiert: in Frebershausen, im Upland, wo ich ihn selbst gesehen habe, und in der hohen Douglasie vor dem Armsfelder Forstamt.“ Dieser Geier war beringt und deshalb wissen die Vogelschützer, dass er aus Spanien kam. Seit dem Auftreten von BSE bleiben verendete Schafe oder Rinder auch im Süden Europas kaum mehr auf den Weiden für die Geier liegen, so dass der Hunger die gefiederten Anti-Seuchen-Polizisten zu ausgedehnten Segelflug-Reisen treibt. „Allerdings werden sie nicht in unseren Breiten brüten“, dämpft Lübcke zu hohe Erwartungen.

Wie Ludger Kluthausen zollt er der Edertaler Gartenbaufirma Lötzer für die artgerechte Gestaltung des künstlichen Felsens hohes Lob. Auf dem Ansitz können sich die Geier nachts sicher vor Angriffen von Füchsen fühlen. Plattformen bieten ausreichend Platz gewähren Wetterschutz.

Ein bis zwei Junggeier will Ludger Kluthausen demnächst als Gesellschaft für die zwei älteren auf dem Felsen kaufen. Die Greifenwarte hat selbst schon gezüchtet, „und wir achten immer darauf, dass die Tiere von ihren Eltern aufgezogen werden, damit sie nicht auf Menschen geprägt sind.“ Anderenfalls hätten die Geier keine Hemmungen, die Rucksäcke der Zuschauer energisch auf Fressbares zu inspizieren. Die großen Greife zählen zu den Stars der Flugschau, weil sie dicht über die Köpfe des Publikums hinweg streichen.

„Wenn es jetzt noch gelingt, frei lebende Gänsegeier anzulocken, hat der Wildtierpark ein weiteres Alleinstellungsmerkmal“, meint Edertals Bürgermeister Klaus Gier und fügte als Vorsitzender des Wildpark-Fördervereins hinzu: „Deshalb haben wir die 12.500 Euro für das Projekt gerne bereit gestellt.“

Ein wenig gewöhnen müssen sich die bislang zwei Bewohner noch an ihr neues Domizil, berichtet Parkleiter Albert Hernold. Als seine Mitarbeiter am Mittwoch einen zweiten, kleinen Zaun zogen und die Pfähle einschlugen, machte sich der aus Gießen überstellte Vogel davon. Donnerstagmittag kehrte er zurück. Kein Wunder: Falkner Theo Koch servierte frische Stubenküken. (su)

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