Treffen der Waldecker Kanoniere in Sachsenhausen

"Feuer frei" nur auf Böllerschein - Video

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Waldeck-Sachsenhausen - „Früher hat man Schwarzpulver gekauft und geschossen – heute braucht man einen ‚Böllerschein‘ dafür“, sagt Werner Behle und lächelt, während wenige Meter weiter das nächste „Rumms!“ die Luft zittern lässt.

Es ist Manöver auf dem Sachsenhäuser Gelände „Schiebenscheid“. Historisch gewandete Kanonier- und Geschützgruppen geben sich unüberhörbar ihr jährliches Stelldichein. Gastgeberin ist die Geschützgruppe „Graf Heinrich“ der Sachsenhäuser Schützengesellschaft.

Das ­große Böllern markiert einen der ­Höhepunkte im Freischießenjahr 2012. Genau 30 Jahre alt ist die „Graf Heinrich“ und Behle gehörte damals zu den Gründungsmitgliedern. „Wie wir darauf gekommen sind, weiß ich gar nicht mehr, wahrscheinlich aus einer Bierlaune heraus.“ Die Kanone, die bis heute im Dienst steht, hätten sie damals selbst gebaut. Ein anderes, inzwischen verstorbenes Gründungsmitglied, drehte das Geschützrohr an seinem Arbeitsplatz bei „Continental“. Weshalb es heute eines Böllerscheins bedarf, erschließt sich, wenn Werner Behle Anekdoten aus den ersten Jahren zum Besten gibt. Wie die von jenem Rosenmontag, als der damalige Bürgermeister Peter Brandenburg von den Sachsenhäusern Schützenhilfe gegen den Narrenansturm aus Waldeck anforderte. „Die haben ihre Knaller gezündet und dann kamen wir: Einmal die Kanone abgefeuert und es war Ruhe“, erzählt Behle mit einem Lachen. Der Donnerhall habe in einem benachbarten Geschäft die Artikel aus den Regalen fallen lassen; im Rathaus hätten die Tassen geklirrt.Behle erinnert sich, wie bei anderer Gelegenheit ein Bekannter unbedingt von vorne eine Kanone „live“ beim Abfeuern habe fotografieren wollen. „Ich habe ihn gewarnt, dass es nicht klappen würde, aber er wollte mir nicht glauben.“ In vermeintlich sicherer Entfernung baute sich der Fotograf vor dem Geschütz auf – und fiel um, als das Mündungsrohr brüllend und qualmend feinste Papierschnitzel ausspuckte. Der Luftdruck war einfach zu stark, und auf dem Film landete eine Aufnahme vom Himmel. Ohne Ohrstöpsel lassen sich die Schreckschüsse aus den Handböllern und Kanonen praktisch nicht ertragen – es sei denn, der Beobachter ist „schussfest“, wie es die Kanoniere formulieren. Für die Gesundheit des Trommelfells empfiehlt sich ausreichender Schutz allemal. Trotzdem erhalten Besucher beim Manöver eine ganz, ganz leise Ahnung davon, welchem Terror die Infanteristen und Artilleristen im 30-Jährigen oder Siebenjährigen Krieg ausgesetzt waren. Auf diese Zeiten beziehen sich die meisten Gruppen mit ihren historischen Anknüpfungen. 26 waren auf dem Schiebenscheid zu Gast, aus dem Landkreis kamen Ittertal, Waldeck, Freienhagen, Lichtenfels-Münden, Goddelsheim, Flechtdorf, Wirmighausen, Adorf, Mühlhausen, Berndorf, Korbach, Landau, Schmillinghausen, Wrexen, Neudorf, Rhoden und Twiste. Als weitere Gäste beteiligten sich beispielsweise die Kasseler oder etliche Gruppen aus dem Westfälischen bis hin nach Anröchte. Bürgermeister Jörg Feldmann und der neue Sachsenhäuser Schützenkönig Helmut Valentin hatten gemeinsam den ersten Schuss abgegeben und danach die Parade der Gruppen abgenommen. Im Rahmenprogramm konnten sich die Besucher bei einer von Martin Merhof gestalteten Ausstellung über die Geschichte der Geschützgruppe „Graf Heinrich“ und über historische Hintergründe etwa aus dem Siebenjährigen Krieg („Schlacht um Korbach“) informieren.

Von Matthias Schuldt

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