Frischquak

Figurprobleme

Bad Wildungen - Unten dichtbezweigt und weit ausladend, sich rundum schön gleichmäßig zur Spitze hin verjüngend. So sieht er aus, der ideale Tannenbaum.

Sehr zum Leidwesen meiner beiden Hausengel habe ich ein großes Herz für Krüppelkiefern und andere, weniger ansprechend gebaute Koniferen. Ein wenig zerzaust und mit lichten Stellen zwischendurch, um die Hüfte etwas zu üppig: Was ist daran so schlimm? No Baum is perfect.

Wenn sie schon gefällt sind und zum Verkauf stehen, bringe ich es nicht über mich, ihr Opfer durch ihre Rolle als Ladenhüter in reiner Sinnlosigkeit enden zu sehen. „Wie sieht der denn wieder aus?“ höre ich deshalb alle Jahre wieder von der weiblichen Hälfte meiner Familie in just jenem Tonfall, der meine Wahl von Hemd und Hose aus dem Schrank alltäglich begleitet.

Trotzdem muss ich dieses Jahr noch einen Schritt weiter gehen, fürchte ich. Denn Entrüstung herrscht in Wellen über den Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz. Nein, eine Idealfigur hat er wirklich nicht. Asymmetrie, wohin das Auge schaut. Seine Silhouette erinnert an den aktuellen Zustand der deutschen Bevölkerungspyramide, die ihrem Namen Hohn spricht und bei der Gruppe der Menschen im besten Alter die üppigsten Speckrollen aufweist, während von unten kaum was nachrückt.

So gesehen spiegelt das Bäumchen korrekt den demografischen Wandel wider. Ob er dessen ungeachtet den Protest der Wellener Tannen-Traditionalisten überstehen und dem vorzeitigen Abgang zur Anraffer Strauchschnittdeponie entgehen kann? Falls nicht, bin ich bereit, dem bedauernswerten Nadelgeschöpf bis zum Dreikönigstag Asyl in unserem Hause zu gewähren – verratet´s nur vorher nicht meinen Hausengeln, bittet

Euer Ederlurch

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