Geschichte des Fischhauses reicht in 1920er-Jahre zurück

Die „Fiske“ aus dem Banfetal

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Banfehaus und Teichanlage im Jahre 1929; die früheren Teiche sind heute Auwaldbiotope.Fotos: Sammlung Chartschenko

Edersee - Am Südufer des Edertalsperre, auf halber Strecke zwischen der Stauwurzel bei Kirchlotheim und der Talsperre bei Hemfurth gelegen, öffnet sich zwischen den bewaldeten Höhen die Banfebucht. Das Fischhaus in der Banfe erinnert an ein bewegtes Kapitel Ederseegeschichte.

Fjordartig windet sich das stille Wasser einen Kilometer gen Südosten, bis ein Sperrwerk aus Grauwacke die Anmut des Tales bricht. Wanderer und Radler, die den Seerandweg entlang des Nationalparks benutzen, stoßen bei Umfahrung der Bucht auf Anlagen und Gebäude. Für ortsfremde Gäste und Besucher kommt dies eher unvermutet. Hat man doch bislang im mittleren Drittel der Edertalsperre das grüne Herz genossen. Zwischen Asel-Süd und Bringhausen verengt sich der Ederdurchbruch. Die Berge stürzen steil in das blaue Band des Sees. Auf beiden Ufern keine Straße. Chancen zu Ruhe und Naturgenuss eröffnen sich.

Die Anlage mit fischereiwirtschaftlicher Ausrichtung am Ende der Banfebucht hat ihre Ursprünge in den 1920er-Jahren. Ihre Entwicklung und Geschichte ist wechselvoll und in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

Vom Sandfang zur Fischzucht

Im Zusammenhang mit dem Bau der Edertalsperre werden in den Mündungsbereichen der einfließenden Bäche Banfe am Südufer (Seekilometer 18,5) und Werbe am Nordufer (28,5) Sperrwerke als Vorbecken zur Sedimentablage errichtet (ab 1922). Der Sedimenteintrag im Banfebecken wird im Laufe der Jahrzehnte, zuletzt im Spätsommer 1989, ausgehoben. Entsorgte Stahlhelme und Fußfesseln kommen als Relikte der Kriegswirren zum Vorschein.

Das Areal Vorbecken Banfe wird bachaufwärts zur Fischzuchtanlage weiterentwickelt (1922-1924). Ein Gebäude aus Bruchsteinmauerwerk wird als Dienstwohnung für den Fischereiaufseher und für fischerei­liche Betriebseinrichtungen hochgezogen. Bauart und massives Mauerwerk aus Grauwacke entsprechen dem Stil aller Hochbauten der Preußischen Wasser- und Schifffahrtsverwaltung jener Jahre am Edersee.

Im Westflügel befinden sich Stallung und Futterspeicher zur Haltung von Kleinvieh. Im Keller sind Brutbecken mit Frischwasserdurchfluss sowie Ablaufrinnen eingebaut. Mahl- und Häckselmühlen stehen neben der Wohnküche im Erdgeschoss. Das Haus hat bis 1970 eine eigene Wasserversorgung aus einer Quellfassung. Mit jahrzehntelanger Unterbrechung besteht eine geringe Stromversorgung. Ein eingefriedeter Nutz- und Obstgarten umgibt das Fischhaus Banfe.

Klassischer Planungsfehler

Auf dem rechten Bachufer riegeln vor dem Haus ein Damm sowie im Bachbereich eine Schleuse, Bachlauf und Teichanlage das Gebäude ab. Die Mauerpfeiler der Schleuse sind noch vorhanden. Bachaufwärts beidseitig, am linken Bachufer auch überkragend, befinden sich Vorstreck- und Streckteiche. Die Betriebswasserentnahme erfolgt im Bereich der Keßbachmündung. Die Teiche westlich des Banfebachs sind heute überschirmt von Erlenbruchwald. Sie sind jetzt wertvolle Auwaldbiotope. Sehr bald nach Betriebsbeginn stellt sich heraus, dass die Betriebswasserzufuhr aus Banfe und Nebenbächen für die Unterhaltung der Anlage unzureichend ist. Das Wasserregime des Bachsystems ist im Jahreszyklus schwankend von Hochwassern im Frühjahr bis zum Trockenfall im Spätsommer. Ein klassischer Planungsfehler.

Eine Pumpanlage zur Speisung mit Seewasser wird um 1929 installiert. Wir sehen, dass auch früher „an die Wand gefahrene“ öffentliche Bauvorhaben möglich waren.

„Wo sind die Fiske...“

In der Fischzuchtanlage Banfe soll im Rahmen der Talsperrenfischerei der jährliche Neubesatz herangezogen werden. Im Frühjahr werden in Flachwasserzonen Laichhechte in Netzen gefangen und abgestreift. Die Brut wird in den Becken im Keller des Hauses entwickelt und sodann in mehreren Vorstreck- und Streckteichen beidseitig des Banfebachs zu Besatzfischen herangezogen. Die Fütterung der Jungfische erfolgt durch Gewinnung von Weißfischen ohne Speisefischqualität. Mit Stellnetzen und Netzzug unter Einsatz von Kähnen wird der Fang eingeholt. Die Fische werden sodann im Haus futtergerecht gehäckselt und gemahlen.

Insgesamt läuft zunächst der Fischereibetrieb in Talsperre und Fischzucht Banfe organisatorisch und wirtschaftlich nicht entsprechend dem Vorhaben der Talsperrenverwaltung. Nach Ausschreibung wird der Fischereibetrieb dem Fischzuchtmeister Rameil, aus einem Fachbetrieb im Sauerland stammend, übertragen. Die Rahmenbedingungen der Ederseefischerei verbessern sich, die Probleme in der Fischzucht Banfe halten an. Ende der 1930er-Jahre wird der Zuchtbetrieb eingestellt.

Elfriede Rettberg, geb. Hamel (+), verbrachte ihre frühe Kindheit als Tochter des Fischereiaufsehers Fritz Hamel im Banfehaus. Sie berichtete aus den Erzählungen des Vaters: „Fischmeister Rameil führte die Mannschaft mit strenger Hand. Stehend im Kahn leitete er die Fischzüge. War der Fang gering, rief er: ,Wo sind die Fiske?‘.“ Unter dem Betriebspersonal war entsprechend sein Spitzname geläufig - „der Fiske“.

Bier und Quatsch

Fischereiaufseher Fritz Hamel aus Herzhausen bezieht mit Frau und Kind Elfriede als erster Be-wohner das Banfehaus. Tochter Elfriede wird 1929 in Herzhausen eingeschult, die Familie zieht zurück. Ihr Hausname im Dorf ist fortan „die Banfers“. Fischereiaufseher Bamberg, aus Masuren stammend, wohnt sodann in der Banfe.

Sonntags ist das Banfehaus, vor allem bei den Bringhäusern, ein beliebtes Ausflugsziel. Für einige Groschen gibt es Bier und „Quatsch“, die Limonade jener Zeit. Ab Mitte der 1930er-Jahre und zur Kriegszeit dient das Banfehaus als Behelfs- und Notunterkunft. In den Nachkriegswirren verschlägt es Oberstleutnant Nicolai in die Banfe. Er lebt dort zunächst inkognito, später werden ihm von der Forstverwaltung Haus und kleine Wiesenstücke verpachtet. Er fristet sein Leben mit Gartenbau und Kleinviehhaltung und verstirbt in den 1950er-Jahren. Seine Abkömmlinge halten den Pachtvertrag aufrecht, bis dieser vom Forstamt zum 30. September 1969 gekündigt wird.

Nach dem Tode Nicolais ist im Banfehaus kein Umgang mehr. In der Umgebung hat die Natur die Teich- und Fischzuchtanlagen mit Erlenauenwald zurückgeholt. Das Banfehaus ist unter einem Schirm von alten Obstbäumen und Waldbäumen überwuchert von Ranken und Stauden. Das Innere wird zum Refugium für Marder und Waschbären. Nicolais Nachkommen können das verwaiste Anwesen trotz Anmahnung der Forstverwaltung nicht mehr unterhalten. Eine Sprengung des Fischhauses Banfe durch den Bundesgrenzschutz wird ernsthaft erwogen.

Im Frühjahr 1970 wird das Erlenbruch auf dem rechten Banfeufer gerodet. Planierraupe und Bagger ebnen die Teichanlage ein. Sie wird zu Grünland umgewandelt.Waldarbeiter aus Frebershausen sind tagelang mit Freihieb und Entrümpelung des Hauses beschäftigt.

Im Zuge des Oberbecken-Neubaus auf dem Peterskopf kommt die Friedrichshütte in das Eigentum der Preußenelektra (heute Eon). Dazu wird der Kraftwerksbetreiber verpflichtet, als Ersatzbau das Banfehaus auszubauen. Es dient bis 2006 der Forstverwaltung als Funktionsgebäude für Jagdbetrieb und Öffentlichkeitsarbeit.

Ab 2008 leitet die Nationalparkverwaltung eine Grundsanierung des Banfehauses ein. Der Bestand des Hauses scheint somit gesichert. Planungen zu seiner weiteren Verwendung bleiben der Öffentlichkeit bisher verborgen.

Wanderer und Radler genießen in der Idylle des Banfetals Abgeschiedenheit und Stille. Sie staunen über Naturdynamik und neue Wildnis am Wegesrand. Dann ein Schock: Die Nationalparkverwaltung hat vis-á-vis des Banfehauses ein riesiges Bild aufgestellt. Es zeigt Facetten urbanen Lebens. - Ausgerechnet hier? Betrachter kommen ins Grübeln…

Von Rudolf Chartschenko

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