Juniorfirma informiert über Flucht und Leben von Asylbewerbern

Flüchtlinge als Menschen kennenlernen

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Asylbewerber können beim Deutschlernen Hilfe gebrauchen. Weitere Sprachpaten in Bad Wildungen wünschen sich (v. l.) Carsten Placht, Ute Claßen, Volker Zimmermann und die Schüler Robine Bender, Nargisa Kadyrava, Björn Schlauß, Sarah Martin, Lena Hempler, Pascal Sonneborn und Milena Völlmecke.Fotos: Wilhelm FIgge /dpa

Bad Wildungen - Wildunger Berufsschüler haben bei einem Info-Abend Fluchtgeschichten von Asylbewerbern aufgezeigt. Sie machen klar: Viele profitieren von individueller Förderung, etwa durch Sprachpaten im Asylbewerberheim.

„Wir wollen Integration nicht nur verkaufen, sondern zeigen, dass sie uns am Herzen liegt“, erklärt Sarah Martin, Mitglied der Juniorfirma „Flappy Toys“. Ab April verkauft diese ein mehrsprachiges Bilderbuch.

Für vorgestern Abend hatten die Hans-Viessmann-Schüler ins Quellencafé eingeladen, um die Geschichten der Asylbewerber in Bad Wildungen den Gästen des Abends näher zu bringen - und die Situation der Flüchtlinge zu verbessern.

Asylbewerberheim sucht Sprachpaten

Möglichkeiten nennt Ute Claßen, Mitglied einer ursprünglich fünfköpfigen Gruppe, die seit dem vergangenen Jahr Flüchtlingen im Asylbewerberheim beim Deutschlernen hilft. Inzwischen sind es deutlich mehr Unterstützer, doch Ute Claßen hofft auf noch größeren Zuspruch von Freiwilligen, um besser auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen zu können. Einige davon seien sprachbegabt und schnell bereit für Prüfungen: „Aber für manche wäre es gut, wenn sie jemanden nur für sich hätten“, erklärt sie.

Die fachlichen Ansprüche an diese Sprachpaten sind nicht hoch: „Mich selbst hat wirklich nichts dafür qualifiziert“, räumt sie ein. Wichtig sei vor allem Bereitschaft, Flüchtlinge als Menschen kennenzulernen.

Zum Einstieg biete es sich an, die Sprachkurse als Beobachter zu besuchen. Zur Zeit finden sie montags, dienstags und freitags von 9 bis 10.30 Uhr statt, donnerstags eine halbe Stunde später. Sprachpaten einzelner Flüchtlinge können sich Zeitpunkte und Dauer individuell einteilen.

Neue Perspektiven für Flüchtlinge und Deutsche

Ziel ist meist ein Hauptschulabschluss für die Asylbewerber: Die meisten in Bad Wildungen stammen aus dem militarisierten Eritrea, wo die Armee gezielt Schüler einzieht. Wer keinen Waffendienst leistet, darf die Schule nicht abschließen.

Die Viessmann-Schüler lasen den Bericht eines Flüchtlings vor, den sein Ausreißen vor der Armee in eine einjährige Gefangenschaft führt. Er entkommt, versteckt sich über Monate in Viehherden und überlebt dreimal einen Kugelhagel, bevor er Eritrea und seine Familie zurücklässt.

Ebenso drastisch seine Flucht durch Nordafrika, besonders die Entführung in den Tschad: Bis zur Zahlung des Lösegelds foltern Kidnapper dort 130 Eritreer durch Schlauchhiebe, Elektroschocks und das Einflößen von Benzin. Als er in Bad Wildungen ankommt, eröffnet sich ihm zum ersten Mal seit fünf Jahren eine von Frieden geprägte Zukunftsperspektive.

Dass sich auch für die Aufnahmeorte Chancen ergeben, erklärt Bürgermeister Volker Zimmermann: Weite Teile „unserer“ Kultur von Mathematik bis Musik seien schließlich Importe.

Er lobt ehrenamtliche Initiativen wie die der Schüler und der Mitarbeiter im Asylbewerberheim: „Gastfreundschaft lässt sich nicht am Schreibtisch regeln.“

Viessmann-Schulleiter Carsten Placht erklärte sich bereit, Räume an der Hans-Viessmann-Schule für Sprachkurse zur Verfügung zu stellen. Der Bürgermeister versprach, schnell die versicherungstechnischen Aspekte solch einer Regelung zu klären.

Von Wilhelm Figge

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