Bad Wildungen

TV Friedrichstein feiert 100. Geburtstag

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- Bad Wildungen-Altwildungen (su). Festakt! Allein das Wort atmet Langeweile und legt Zeugnis ab von unzähligen Geduldsproben, auferlegt einem millionenfachen Publikum quer durch Zeit und Raum – doch es geht anders, ganz anders. „100 Jahre TV Friedrichstein“ im Barocksaal des Schlosses, das waren rund zwei kurzweilige Stunden: lebendig, interessant, vielfältig wie das Geburtstagskind selbst.

Persönliche Erinnerungen, Heiteres, Anekdoten und Fakten aus der Vereinshistorie, knackige Anmerkungen zu aktuellen gesellschaftlichen und sportpolitischen Fragen würzten am Samstagmorgen den offiziellen Teil, begleitet und aufgelockert von der frischen Musik der Russi-Radev-Combo. Manfred Keller, Hauptautor der Vereinschronik, nahm sein Publikum mit auf die Zeitreise. 28 junge Männer, Mitglieder der Burschenschaft, gründeten einst den TV. Weshalb? „Die übrigen Vereine boten ihnen nach ihrer Ansicht wohl nicht genug Raum für ihren Sturm und Drang“, meint Keller.

Neidvoll hätten die Altwildunger Richtung Bad Wildungen geschaut, wo seit 49 Jahren moderner Sport im VfL betrieben wurde. „Aber als Ahlenstädter unter dem Kommando eines Wellunger Vorturners stehen? Das war undenkbar!“ schilderte der Vereinschronist, viele Jahre Vorstandsmitglied und unter anderem Vorsitzender. Also schritten die 28 selbst zur Tat. Ihr Lokalpatriotismus trägt und prägt das Geschehen bis in die moderne Zeit, erzählte Bürgermeister Volker Zimmermann, der als Leichtathlet (und Wildunger) in jungen Jahren beim TV aktiv war: „Wo bist du her?, fragte mich ein älteres TV-Mitglied. Als ich antwortete, dass ich an der Königsquelle wohne, meinte er: Aha, von außerhalb!“ Dabei gehe es nicht um Abgrenzung, sondern um Identifikation mit dem eigenen Stadtteil, um Heimat- und Geschichtsbewusstsein. Zimmermann bescheinigte dem TV, „offen, gastfreundlich und integrierend“ zu sein. „Pudelwohl“ habe er sich dort gefühlt, wie etwa auch die vielen Heimatvertriebenen, die nach dem Wiederbeginn 1948 mit das Rückgrat des TV bildeten.

Landrat Dr. Reinhard Kubat spekulierte über die Ursache für dieses gute Gefühl. Die 28 Gründer hätten den TV nicht zum Leben erweckt, „weil sie unter Bewegungsmangel litten. Sie konnten – anders als viele Kinder heute – Purzelbäume schlagen und auf Bäume klettern. Nein: Ihnen ging es um die Gemeinschaft. Wer meine, Vereine wie der TV seien nicht mehr zeitgemäß, der irre: „Unsere Gesellschaft braucht nicht noch mehr ‚Ich‘, sondern wieder mehr ‚Wir‘, und Vereine leben vom Engagement ihrer Mitglieder.“

Pfarrer Christoph Hartge verband die von Bürgermeister und Landrat genannten Aspekte: „Wo Menschen Gemeinschaft pflegen, wird Heimat gebaut.“ Er fragte sich, wie viele Konfirmanden sich über ein Jahrhundert während des Unterrichts im 1911 fertiggestellten Pfarrhaus „nach dem Turnboden, der Aschenbahn oder dem Sportplatz sehnten“, zum Leidwesen seiner Vorgänger vielleicht. Die Beteiligung vieler Sportler an der aktuellen Renovierung der Kirche lege aber die gemeinsamen Wurzeln offen. Aus denen längst nicht mehr nur Sportler, sondern auch Sportlerinnen herauswachsen.

Die Gründerväter wollten von Emanzipation nichts wissen, unterstrich Chronist Manfred Keller. „Gebraucht wurden die Frauen trotzdem“, ob zum Girlandenbinden bei Festen oder als „Ehrenjungfrauen“, von denen jeder Altwildunger Verein früher bei Festen zwei präsentieren musste. „Ein tugendhafter Ort war das wohl damals“, mutmaßte Keller mit einem Schmunzeln, denn bei diesen Anlässen seien sämtliche heiratsfähigen Damen Altwildungens im Einsatz gewesen. Seit den 1920er-Jahren bestimmen die Mädchen und Frauen als aktive Sportlerinnen das Geschehen mit und „siehe da: Auch die Zahl der männlichen Mitglieder stieg parallel dazu an“, frotzelte Manfred Keller. Manche Ehe geht seitdem aus dem Vereinsleben hervor, wie die des amtierenden Wildunger Bürgermeisters.

Längst haben die Frauen des 1000 Mitglieder starken Vereins einen Löwenanteil am Erfolg und am guten Ruf des TV Friedrichstein.

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