Das Glück auf beiden Seiten

Sachsenhausen - Weit weg von ihrer kriegsgeschüttelten Heimat Syrien feiert die Familie Ramadan ihr erstes deutsches Weihnachtsfest. Im Haus von Ursula und Gerhard Schaller werden Lieder gesungen, Plätzchen gegessen – und Geschenke ausgepackt.

Vor zwei Jahren flüchteten Ali Ramadan (32) und seine Frau Siham Ismeil (27) mit den Kindern Housin (6) und Badran (2) aus Damaskus. Die Familie folgte dem Rat des Vaters, sich im Ausland in Sicherheit zu bringen, schildert der Fliesenleger, der im eigenen Familienbetrieb beschäftigt war. Auf der Odyssee durch mehrere Länder wird Söhnchen Mohmed geboren, heute elf Monate alt. Schreckliche Erlebnisse liegen hinter den Ramadans. Krieg, Terror und Tod haben die beiden älteren Kinder in selbst gemalten Bildern festgehalten. Seit die Ramadans vor einigen Wochen im Waldecker Land angekommen sind, ist Ruhe eingekehrt in ihr Leben. Ein Glücksfall in ihrem Flüchtlingsdrama ist die Begegnung mit dem Ehepaar Schaller. Als der Bad Arolser Ex-Bürgermeister von der Wohnungsnot für Flüchtlinge erfährt, zögert der 72-Jährige nicht lange und stellt sein leer stehendes Elternhaus zur Verfügung. Seit dem Einzug in die möblierten Räume kümmert sich das Paar konsequent um die Neubürger. Der Lions-Club Korbach-Bad Arolsen sagt sofort Unterstützung zu und finanziert einen Sprachkurs. „Ein Kursabend pro Woche reicht aber nicht, um eine Sprache zu lernen“, weiß Ursula Schaller, „das muss man täglich üben.“ Die Sozialpädagogin kennt das aus achtjährigem ehrenamtlichen Engagement in Bad Arolsen. Sie hat Sprachunterricht für Asylanten im Gemeindehaus gegeben. Deswegen vergeht kaum ein Tag ohne Gespräche und Spiele. Zwischen Memory und Würfeln gibt es Tipps zur deutschen Lebensart. „Immer guten Tag sagen, wenn ihr Bekannten begegnet“, gibt die 73-Jährige den Söhnen mit auf den Weg. Sprachbarrieren räumt Alis Taschencomputer aus dem Weg und übersetzt vom Kurdischen oder Arabischen. „Die Kommunikation klappt jeden Tag besser“, beobachtet Schaller. Das Paar hilft bei Behördengängen, stellt Kontakt zu Schule und Kindergarten her, übersetzt Amtsdeutsch: „Manches ist für uns schon schwierig, wie soll das denn jemand aus einem ganz anderen Kulturkreis verstehen?“ Hilfe kommt auch von anderen. Kinderkleidung, Spielsachen, Dreirad und vieles mehr wird gespendet. Aus dem Kindergarten bringt ein Sohn nagelneue Schuhe mit, die ihm eine Frau geschenkt hat. Am Nikolaustag überrascht eine Anwohnerin die Kinder mit Süßem. „Wir sind sehr dankbar“, gesteht Ali gerührt. „Brauchen könnten wir noch einen Kindersitz fürs Auto“, ergänzt Ursula Schaller, „damit wir auch mal zum Arzt oder in den Wildpark fahren können.“ Zum ersten Mal in ihrem Leben feiern die Ramadans ein deutsches Weihnachtsfest. Nach dem Essen mit Kartoffelsalat und Rinderwürstchen kommt das Christkind. Ali hofft an den Festtagen auch auf ein Wiedersehen mit den dreien seiner insgesamt sieben Geschwister, die wie er nach Deutschland kamen. Auch wenn das Heimweh manchmal drückt – die Ramadans sind in ihrer neuen Heimat angekommen. „Ich habe eine Familie in Syrien und eine in Deutschland“, spricht Ali seiner Ehefrau aus dem Herzen.Schaller weiß, wie Integration noch viel besser klappen könnte: „Patenschaften sollten von allen Lions in Waldeck-Frankenberg ins Leben gerufen und Vereine geworben werden, die mitmachen. Und Landrat Dr. Kubat sollte Schirmherr werden.“ Der Leerstand von Häusern in den Dorfkernen könnte mit dem Einzug von Flüchtlingen gestoppt werden. „Damit wäre beiden Seiten geholfen.“ Von Conny Höhne

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