Kirchengemeinde und Geschichtsverein recherchierten gründlich:

Gottesdienst wie zu Luthers Zeiten in Wildunger Stadtkirche

+
Martin Luthers Denkmal zu Wittenberg: Wie sich in seinem Sinn kurz nach der Reformation 1517 die Gottesdienste in Waldeck anfühlten, erleben Besucher der Wildunger Stadtkirche am 3. November.

Die evangelische Kirchengemeinde Bad Wildungen und die Bezirksgruppe Bad Wildungen des Waldeckischen Geschichtsvereins laden zu einem außergewöhnlichen Gottesdienst ein:

Am Sonntag, 3. November, 16 Uhr, beginnt in der Stadtkirche eine evangelische Messe nach einer Ordnung der Reformationszeit. Die Idee dazu geht auf das 500. Reformationsjubiläum 2017 zurück. „Die evangelische Kirche besann sich gewissermaßen auf ihre Wurzeln“, sagt Thomas Kraft, Vorsitzender der Bezirksgruppe des Geschichtsvereins. Er wirkt am 3. November als Prädikant, als Laien-Prediger, an der Messe mit.

Wie spielte sich die Reformation vor 500 Jahren ab? Was bedeutete es im 16. Jahrhundert in Waldeck, sich zum christlichen Glauben lutherischer Prägung zu bekennen? Solche Fragen wurden vor zwei Jahren behandelt und führten zu der Idee, einmal einen Gottesdienst zu feiern in einer Ordnung, wie sie in Waldeck kurz nach der Reformation üblich war.

Zwei historische Quellen genutzt

„Dafür zogen wir vor allen zwei historische Quellen zu Rate“, erklärt Kraft. 1556 wurde die erste allgemein gültige Kirchenordnung 1556 herausgegeben. Sie formulierte die Regeln, an die sich die Pfarrer für ihre Gottesdienste zu halten hatten. Speziell die Texte der Liturgie udn der Ablauf sind darin vorgegeben.

„Mit der Musik ist es schwieriger, aber auch da haben wir Glück“, erklärt Kraft. Denn etwa um die gleiche Zeit habe in Bringhausen der Pfarrer Hermann Kernekamp gewirkt. Er führte akribisch Listen darüber, welche Lieder zu welchen Anlässen im Kirchenjahr gesunden wurden. „Er hat sogar eigene Melodien überliefert, an den wir uns orientieren konnten“, verrät der Vorsitzende des Geschichtsvereins.

Abendmahlsszene aus einer Messe der Refomationszeit.

Die reformatorischen Gottesdienste unterschieden sich in der damaligen Zeit in ihrer äußerlichen Form nicht so sehr von den katholischen Messen. Fast alles wurde gesungen: Lesungen, Gebete, Liturgie. Allein die Predigt war dem gesprochenen Wort vorbehalten.

Die alten liturgischen Gewänder und Weihrauch blieben noch lange im Gebrauch. „Der Wechsel kam erst langsam im Lauf evon zwei bis drei Jahrhunderten“, unterstreicht Kraft. Noch länger dauerte es, bis der heute typische, evangelische schwarze Talar eingeführt wurde.

Revolutionär neu war, dass die meisten Texte auf Deutsch gesprochen wurden. Die Reformatoren wollten, dass die Menschen in der Kirche verstehen, was sie tun – anders als in der katholischen Liturgie auf Lateinisch.

Kurze, erläuternde Texte in der Kirche griffen Themen wie beispielsweise das Abendmahl auf. Wer daran teilnehmen wollte, musste sich in den Tagen vorm Gottesdienst beim Pfarrer melden, der das Katechismus-Wissen prüfte und abfragte. Frauen und Männer saßen während der Messe getrennt und gingen auch getrennt zum Abendmahl.

Nicht sklavisch ans historische  Vorbild gebunden

Der Gottesdienst am 3. November orientiert sich an der historischen Ordnung, folgt ihr aber nicht sklavisch. Sonst dürfte keine Pfarrerin die Liturgie halten. Auch werde die Predigt nicht so lang ausfallen wie vor 500 Jahren. Zum Empfang der Oblate beim Abendmahl müssten die Gläubigen auf die Knie gehen, doch die dazu nötigen Kommunionbänke existieren in den meisten evangelischen Kirchen längst nicht mehr. Das historische Erlebnis liege vor allem in der Musik, sagt Thomas Kraft. Choräle aus der damaligen Zeit würden gesungen. Die Gemeinde wird dabei von der Schola der Universitätskirche Marburg unterstützt. Der Posaunenchor spielt Instrumentalmusik aus dem 16. Jahrhundert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare