Wirtschaftlichkeitsgutachten präsentiert · Ringen um Zukunft des Heloponte beginnt

Je größer ein Bad,desto roter die Zahlen

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Ein Bild mit Aussagekraft; in Schönheit in den Ruin: Das Heloponte ist viel zu groß für seine Besucherzahlen.

Bad Wildungen - „So ein gepflegtes und schönes Bad habe ich in Deutschland noch nicht gesehen, nicht einmal in Wiesbaden. Sechsmal die Woche gehe ich im Heloponte schwimmen.“ Lautstarker Applaus folgte auf diese Liebeserklärung einer Wildunger Neubürgerin an die Freizeitanlage.

In ihren zwei Sätzen bündelte sich am Montagabend in der Wandelhalle die Gefühlslage vieler Kurstädter und zugleich das Dilemma der einstigen Vorzeige-Freizeitanlage. Zu ihrer Zukunft legte Marco Steinert von der Altenburg-Unternehmensberatung ein Wirtschaftlichkeitsgutachten vor.

Geht’s um die Nachfrage oder um die Finanzen? Geht es in erster Linie darum, die Erwartungen und Wünsche der Nutzer zu erfüllen, angepasst an die Moderne? Oder geht es in erster Linie darum, die finanziellen Verluste des Bades zu verringern? Kein Gast möchte auf die Lebensqualität verzichten, die das Heloponte bietet.

Jeder Gast erhält rechnerisch pro Besuch von der Stadt zehn Euro geschenkt. Kann es sich eine Kurstadt erlauben, so ein Angebot nicht mehr vorzuhalten? Kann es sich die Kurstadt auf Dauer finanziell leisten, so ein Angebot vorzuhalten? Zwischen diesen beiden Polen bewegten sich die Fragen, Antworten und Diskussionsbeiträge der Stadtverordneten-Sondersitzung, während der ausnahmsweise Wortmeldungen aus dem Publikum gestattet und erwünscht waren.

In den gut gefüllten Zuschauerreihen war die Tendenz, die sich in vielen Stellungnahmen spiegelte, eindeutig: das Heloponte kernsanieren, umgestalten und aufrüsten, um Schwächen im aktuellen Angebot zu beheben (siehe unten „Die vier Konzepte“). Die Stadtverordneten von FDP, Grünen und FWG schwammen in derselben Bahn. „Wir können uns eine abgespeckte Variante nicht erlauben. Die Wildunger haben ein Anrecht auf eine ordentliche Saunaanlage“, meinte Jürgen Graul (FDP). Verschiedene Generationen und Touristen müssten bedient werden.

„Wenn wir uns das Helo in Groß nicht mehr leisten können, sollten wir es in Klein neu bauen. Aber ein reines Sportfunktionsbädle können wir uns als Kurstadt nicht erlauben“, pflichtete Klaus Stützle (Grüne) bei. „Wenn wir mit unseren Wünschen übertreiben ...“

„Helfen Sie uns, das Heloponte zu erhalten und trotzdem das Defizit zu senken“, beschwor Dr. Hans Schultheis den Gutachter. Doch die Quadratur des Kreises ist nicht zu schaffen, antwortete Marco Steinert: „Je größer das Bad, desto größer das Defizit.“

Die CDU lenkte den Blick auf die Finanzen: Dr. Edgar Schmal bat die Verwaltung, für die nächste Sitzung aufzulisten, welche Investitionen nach dem Bau des Heloponte im Laufe der Jahre in die Anlage gesteckt wurden. Die Sorge ist, dass man auch nach einer Sanierung vor derlei Überraschungen nicht gefeit ist. Fraktionskollege Marc Vaupel verwies auf private Wellness-Angebote, nicht zuletzt in Hotel Aquavita und Quellentherme: „Wurde untersucht, ob die Familie Goebel das Angebot ausbauen würde, wenn das Heloponte keine Sauna mehr hätte?“

Bernd Süring formulierte die Position der SPD so: „Wir alle wollen das Heloponte behalten, wie es ist - aber das ist schwer möglich. Wenn wir es mit unseren Wünschen übertreiben, können wir in zehn Jahren gar nicht mehr schwimmen, weil das Geld fehlt. Und nicht zu vergessen: Alle Wildunger müssen das Defizit tragen, auch die, die nicht ins Heloponte gehen.“

„Bürgerbeteiligung beginnt jetzt erst“

Die Freizeitanlage falle nicht morgen auseinander, bekräftigte Bürgermeister Volker Zimmermann. „Wir sollten uns Zeit nehmen für eine Entscheidung, die mindestens drei Jahrzehnte Bestand hat.“ Die Bürgerbeteiligung an dieser Entscheidung beginne jetzt erst richtig, unterstrich Klaus Stützle.

Hintergrund: Die vier Konzepte

Marco Steinert erklärte vier Vorschläge mit groben Investitionskosten, Gästezahlen und Jahresdefizit:

Vorschlag 1: Eins-zu-eins-Sanierung des Heloponte in seiner heutigen Gestalt inklusive Eisbahn für 11 Millionen Euro. Besucher pro Jahr: etwas mehr als 150 000. Jahresdefizit: mehr als 2,7 Millionen Euro.

Vorschlag 2: Verzicht auf Massagebecken, dafür Sole-Außenbecken, neue Anordnung aller Becken mit Einteilung in Familien-, Sport- und Ruhezone; erweiterte, modernisierte Sauna, verkleinertes Freibad mit 25 x 20 Meter-Kombi-Becken, Sanierung und Umstrukturierung der Gastronomie. Eisbahn bleibt. 12,5 Millionen Euro Investition, knapp 200 000 Gäste, Jahresdefizit: rund 2,4 Millionen Euro.

Vorschlag 3 : wie Vorschlag 2, aber zusätzlich: Verkleinerung der Gastronomie und Verlagerung hin zum Saunabereich, Verlagerung und Vergrößerung des Fitness-Segmentes in den Eingangsbereich. 15,2 Millionen Euro Investition, etwas über 200 000 Gäste, Jahresdefizit: mehr als 2,5 Millionen Euro.

Vorschlag 4 : Abriss und Neubau als verkleinertes Funktionsbad ohne Sauna/Eisbahn: 25-Meter-Becken (fünf Bahnen), Sprunganlage mit Ein- und Dreimeterbrett, Nichtschwimmer-/Kursbecken, Kleinkinderbereich, Freibadkombibecken 25 x 20 Meter plus Kleinkinderbereich. 10 Millionen Euro Investitionen, 80 000 bis 100 000 Gäste, Jahresdefizit: knapp 1,9 Millionen Euro.(su)

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