Einsatz begann um 14.18 Uhr und hält an

Seit Sonntag bekämpft Feuerwehr Gas am Wildunger Schlachthof - keine Gesundheitsgefahr

Weiterhin tritt Ammoniakgas am Wildunger Schlachthof aus und speziell geschützte Atemschutzgeräteträger der Feuerwehr erkundeten am Montagmorgen die Lage im Gebäude.

Bad Wildungen – Zu einem Großeinsatz am Schlachthof rückten 90 Wildunger und Korbacher Feuerwehrleute Sonntagnachmittag aus. Giftiges Ammoniakgas trat aus - und strömt weiter aus.

Quelle ist das Rohrleitungssystem der Kühlanlage. Eine Gefahr für Menschen außerhalb des abgesperrten Geländes bestand nach Angaben der Wildunger Feuerwehr zu keiner Zeit. „Alle Messungen außerhalb des Gebäudes lagen und liegen bei null“, sagte der Wildunger Stadtbrandinspektor Alexander Paul im Rahmen der Besprechung am Montagmorgen. 

Der Einsatz der 90 Feuerwehrleute am Sonntag dauerte rund eine dreiviertel Stunde. Danach übernahm ein vierköpfiges Team des Wildunger Stützpunktes die Nachtwache. Lüfter drückten die gesamte Zeit das Gas östlich aus einem Tor des Gebäudes heraus, weg vom Wohngebiet. Wo das Ammoniak auf diese Weise gezielt das Freie erreichte, wurde das wasserlösliche Gas von einem großen Wasservorhang niedergeschlagen. Wasser und Ammoniak reagieren zum so genannten Salmiakgeist. Es war am Montagmorgen schwer einzuschätzen, wie lange Lüfter und Hydroschild weiter werden laufen müssen. 

200 Liter Wasser pro Minuten verbraucht das Erzeugen des feuchten Schutzschleiers. Die Kühlanlage des Schlachthofes enthielt im intakten Zustand 295 Kilogramm Ammoniak, was etwa 580 Litern im flüssigen Zustand entspreche, erläutert Alexander Paul. Doch verdampft der Stoff bei wesentlich niedrigeren Temperaturen als Wasser, und niemand wusste, wie viel letztlich pro Minute aus der Anlage gelangt. Unklar ist auch, ob das Kühlsystem ein Leck oder mehrere aufweist. 

Der Schlachthof blieb am Montag bis auf Weiteres gesperrt. Zum Erkunden schickte Paul am Morgen erneut Feuerwehrleute in der Einmal-Schutzkleidung ins Gebäude. Sie sollten feststellen, ob die Konzentration im Schlachthof so weit abgesunken war, dass ein Kühltechniker nach der Ursache des Problems fahnden konnte. 

Durch einen Zufall hatte das Geschehen am Tag zuvor seinen Anfang genommen, denn sonntags arbeitet niemand in dem Betrieb. Ein Mitarbeiter, der kurz etwas abholen wollte, bemerkte den typischen stechenden Ammoniakgeruch, wie er aus vielen Haushaltsglasreinigern bekannt ist. Als er dem Gestank auf den Grund ging, sah er, wie eine Flüssigkeit an einer Kühlleitung zu Boden tropfte und verdampfte. Kurz nach 14.15 Uhr lief der Alarm bei der Wildunger Feuerwehr ein. 

Ein Trupp ging in Vollkörper-Schutzanzügen, der die Einsatzkräfte wie Astronauten aussehen lässt, ins Gebäude und schloss einen Schieber der Ammoniakanlage. Doch weiterhin trat Gas aus. Zusätzliche spezialisierte Kräfte der Feuerwehr versuchten daher, weitere Schieber der Anlage zu schließen. Zugleich wurde der so genannte „Hydroschild“ aufgebaut, der Wasservorhang zum Niederschlagen des Gases. Parallel maßen die Feuerwehrleute auf dem Gelände die Konzentration des Schadstoffes. Inzwischen waren 37 Kräfte vom G-ABC-Schutzzug des Kreises von der Feuerwehr Korbach eingetroffen, als Unterstützung für die 53 Freiwilligen der Wildunger, Wegaer und Braunauer Wehr. Unter Leitung von Stadtbrandinspektor Alexander Paul erkundeten die Brandschützer bei Messfahrten auch die Lage in der Umgebung des Schlachthofes. So bestätigte sich, dass für die Bevölkerung keine Gefahr bestand. Fünf Polizeibeamte und vier Fachkräfte des Rettungsdienstes beteiligten sich an dem Großeinsatz.

Die Wildunger Brandschützer waren bestens darauf vorbereitet. Die letzte Übung liegt nicht einmal 14 Tage zurück, bestätigt Alexander Paul. In der Vergangenheit hatte sich die Wehr unter anderem schon einmal am Heloponte vergleichbaren Herausforderungen zu stellen. Damals war Chlorgas ausgetreten.

Hintergrund zu Ammoniak

Ammoniak ist ein giftiges, ätzendes Gas, weit verbreitet und wird in vielfacher Weise eingesetzt: als Bestandteil von Haushaltsreinigern etwa, bekannt als Salmiakgeist. In Salmiakpastillen findet es sich ebenso, wie in Lakritz oder in anderen Lebensmitteln als Säure regulierender Zusatz unter dem Kürzel E 527. Sogar im Körper selbst entsteht es als Zwischenprodukt beim Abbau von Eiweiß, wird aber im Zusammenspiel von Leber und Nieren in ungiftigen Harnstoff umgewandelt und ausgeschieden. Äußerste Vorsicht ist im Umgang sowohl mit Ammoniak als auch mit Ammoniakwasser geboten. Beides reizt und ätzt die Schleimhäute. Ungeschützt droht dem Menschen bei entsprechender Konzentration des Gases der Erstickungstod. Nicht ausreichend verdünnt sind Ammoniakgas und Salmiakgeist wassergefährdend.

Was wird aus dem Wildunger Schlachthof?

Wie geht es nach dem Schaden an der Kühlanlage weiter mit dem Wildunger Schlachthof? Aktuell sei diese Frage nicht zu beantworten, sagte Dirk Blettenberg, Geschäftsführer der eingetragenen Genossenschaft Landwirtschaftliche Vieh- und Fleischvermarktung Nordhessen (LVF) am Montagmorgen. Denn wegen der Sperrung des Gebäudes ist das Ausmaß des Schadens und der Folgekosten noch nicht abzuschätzen. Die Kühlanlage sei regelmäßig gewartet und entsprechend in Teilen erneuert worden. Die Genossenschaft ist Betreiberin des Zerlegebetriebes im Wildunger Schlachthof mit seinen fünf Vollzeitkräften und Gesellschafterin der Schlachthof-GmbH, die eine Schlachtkolonne von sieben bis acht Teilzeitkräften beschäftigt. Im vergangenen Jahr verarbeitete der Wildunger Schlachthof 360 Stück Großvieh sowie rund 9500 Schweine, die aus der Region angeliefert wurden.

Die nächstgelegenen Schlachthöfe befinden sich erst in Bad Arolsen, betrieben von der LVF, sowie in Schwalmstadt. Der Schlachthof Kassel musste 2018 schließen. Kurze Anfahrtwege gelten aber als ein wesentliches Qualitätskriterium für Fleisch und Wurst aus regionaler Produktion, betonen Landwirte wie Fleischerhandwerk regelmäßig in Diskussionen um die Zukunft kleinerer Schlachthöfe. 

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