Junge Technik bei Versuchen auf Wildunger, Edertaler und Zwestener Äckern ausprobiert

Gülle fahren ganz ohne Gestank

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Solche Maschinen sollen Gülle geruchlos ausfahren können, sagen Experten. Das kleine Foto zeigt, wie das Gerät sich aus einem Tank Gülle nachfüllt.Fotos: pr

Bad Wildungen - „Ich habe gerade meine Wäsche draußen aufgehängt…“ Das Klagelied, das vielstimmig erklingt, wenn Landwirte in der Nähe von Siedlungen Gülle ausbringen, könnte aus dem Gesangbuch der Hauswirtschaft verschwinden. Eine wenige Jahre alte Technik macht’s möglich.

25 Landwirte in Bad Wildungen, Bad Zwesten und Edertal erlebten auf ihren Feldern die neuartigen Fahrzeuge im Einsatz; auf insgesamt 35 Hektar Ackerfläche und fünf Hektar Grünland. Bezahlen mussten die Bauern nichts für diese Fahrten, denn die Versuche sind Teil eines Beratungsprojekts, das die Wildunger BKW 2011 ins Leben rief. „Wir wollen mit der Beratung den Zustand des Grund- und Oberflächenwassers weiter verbessern oder einen bestehenden guten Zustand der Gewässer erhalten“, sagt BKW-Geschäftsführer Stephan Tent.

Wie ein Mähdrescher ohne Mähwerk…

Das hessische Umweltministerium stellt in diesem Zusammenhang auch Geld für neuartige Technik bereit. Die Maschinen muten an wie Mähdrescher ohne Mähwerk. Sie bestehen neben der Fahrerkabine aus einem Tank, einem Saugrüssel und einer angehängten Vorrichtung, die Gülle direkt in den Boden einbringt – als würde man einem Patienten mit einer Spritze ein Vitaminpräparat injizieren.

Die Gülle kommt mit der Umgebungsluft nicht mehr in Kontakt. „Sie können direkt neben der Maschine herlaufen und riechen nichts“, versichert Philip Loch vom „Ingenieurbüro Schnittstelle Boden“ aus Ober-Mörlen. Das Büro berät die Landwirte im Auftrag der Wildunger BKW.

Mancher Spaziergänger habe die Versuche auf den Äckern beobachtet und sich nach den unbekannten Maschinen erkundigt, berichtet der Fachmann: „Als wir antworteten, dass hier Gülle ausgefahren wird, waren sie überrascht.“

Gemeinsam mit dem Fahrzeug kommen große Tankanhänger zum Einsatz. Aus ihnen füllt die Maschine per Saugrüssel ihren eigenen Behälter nach. Für die Landwirte verringert sich die Zahl der Fahrten zwischen Stall und Feld damit deutlich.

Den größten Vorteil der Technik sieht Loch in der Tatsache, dass vom leicht flüchtigen Stickstoff als Pflanzennahrung beim Ausbringen nichts mehr verloren geht – mit dem angenehmen Nebeneffekt der Geruchlosigkeit.

Die Bauern tun außerdem gut daran, sich mit dem Thema zu beschäftigen, weil neue Vorschriften für das Güllefahren in Arbeit sind. Die Zeiten, in denen gefahren werden darf, fallen noch kürzer aus. Die Grenzwerte für Geruchsemissionen sollen sinken.

Weil die neuen Maschinen rund 600000 Euro kosten, kommt der Ankauf für die wenigsten Betriebe infrage. Stattdessen schaffen Lohnunternehmen die Geräte an oder Verbände wie der Maschinenring stellen sie ihren Mitgliedern zur Verfügung. Im Schwalm-Eder-Kreis und in der Wetterau würden solche Spezialfahrzeuge bereits verwendet, fügt Loch hinzu.

Schleppschläuche als kostengünstige Alternative

Eine kostengünstigere Alternative gibt es allerdings: das Ausbringen der Gülle mittels „Schleppschläuchen“. Wie der Name vermuten lässt, fließt die Gülle aus Schläuchen heraus, die hinter einem Traktor über die Erde schleifen. Auch hierbei sinkt die Geruchsbelästigung, denn weniger Nitrat verfliegt in Gestalt stinkenden Ammoniaks in die Luft.

Der Gewässerschutz profitiert von beiden Verfahren: Weniger Gülle wird von der Ackerfläche in Teiche und Bäche geschwemmt: Nitratverbindungen verwirbeln sich gar nicht erst in der Luft und schlagen sich nicht an anderer Stelle ungefiltert im Wasser nieder.

Von Matthias Schuldt

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