Prozess gegen Wildunger Handtaschenräuber

Gutachter zieht Entziehungsanstalt einer Haftstrafe vor

Bad Wildungen/Kassel - Ein halbes Dutzend Überfälle auf Spaziergängerinnen beunruhigte von August und November 2013 die Kurstadt. Verantwortlich: ein 32-jähriger Drogenabhängiger, der es auf Handtaschen abgesehen hatte. Am Montag stand er vor dem Landgericht.

Der Mann sitzt in Untersuchungshaft, seit er sich im November stellte. Der vernehmenden Kripo-Beamtin erschien er als körperlich heruntergekommener Suchtkranker. Er gestand alle Raube, bis auf den ersten der Serie. „Es wirkte, als wolle er sein Leben ändern“, schilderte die Polizistin vor Gericht.

Die Mutter und der beste Freund hätten ihm geraten, zur Polizei zu gehen, sagte der junge Mann. Ihnen hatte er sich am Telefon offenbart. Er sei ganz unten gewesen. Wegen des Drogenkonsums die Arbeit, die Wohnung und die Beziehung zur Freundin verloren, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat; darauf folgte komplettes Abgleiten in die Sucht, Leben auf der Straße, Vegetieren für den nächsten Schuss. „Gegessen habe ich selten“, berichtete der 32-jährige Deutsche.

Im Sommer saß er in Bad Wildungen auf einer Bank, rauchte und „überlegte, wie ich an Geld komme. Da gingen zwei ältere Damen vorbei und es machte ‚Klick‘ im Kopf“, erinnerte sich der Angeklagte. Er lief von hinten auf die beiden zu und riss der einen Frau die Handtasche vom Arm. Auf diese oder ähnliche Weise beschaffte er sich binnen drei Monaten laut Staatsanwaltschaft sechsmal Bargeld oder versuchte es zumindest. In der Regel suchte er sich ältere Frauen aus, jenseits der 80 und jenseits der 90 waren die betagtesten. Einmal wurde er von einem Zeugen verfolgt und gestellt, rückte die Beute wieder heraus, entkam aber. In einem weiteren Fall umklammerte die Frau so sehr ihre Tasche, dass sie durch die Gewalt des Angriffs um die eigene Achse gedreht wurde und stürzte. Er zog ohne Beute ab, versuchte gar noch, sich zu entschuldigen.

Was er bei einer 67-jährigen Wolfhagenerin und ihrem im Rollstuhl sitzenden Mann auslöste, als er die zwei in der Dr.-Born-Straße ins Visier nahm, beschrieb die Zeugin so: „Mein Mann sagte immer nur: Ich konnte dir doch nicht helfen, ich konnte dir doch nicht helfen...“ Knapp 600 Euro, Papiere, Euroscheck-Karte und Autoschlüssel befanden sich in der Handtasche, die der Dieb der Frau von der Schulter riss, als diese ihrem pflegebedürftigen Mann gerade die Nase putzte. Das Schlimmste: „Das Original meiner Vorsorgevollmacht für meinen schwer kranken Mann lag in der Tasche und es ist verwerflich und fies, dass dieser Mensch mir das Dokument nicht zurückgeschickt hat“, erklärte die Zeugin zornig und bewegt der Ersten Strafkammer. Kurze Zeit später benötigte sie die Vollmacht, als ihr Mann im Sterben lag. Den Versuch des Angeklagten, sich zu entschuldigen, wies die Witwe zurück. „Sparen Sie sich Ihr Gestammel. Ich nehme das nicht an. Wie konnten Sie einem kranken Menschen so etwas antun“, hielt sie ihm mit Blick auf ihren Ehemann vor, der bei dem Raub seine Hilflosigkeit zusätzlich so hatte durchleiden müssen.

Krank ist der Angeklagte selbst, unterstrich der psychiatrische Gutachter, der dem 31-Jährigen wegen dessen Opiatabhängigkeit verminderte Steuerungsfähigkeit zubilligte. Überdies befürwortete er die Einweisung des 32-Jährigen in eine Entziehungsanstalt. Die Aussichten für einen Therapieerfolg seien gut, weil der Angeklagte einen Alkoholentzug 2007 absolviert habe und seitdem trocken lebe. Außerdem erkenne der Angeklagte seine schwere Abhängigkeitserkrankung, habe sich im Oktober 2013 bereits um eine Therapie bemüht. Die Überfälle habe er aus Angst vor Entzugserscheinungen begangen.

Mit 12 Jahren konsumierte der Idar-Obersteiner erstmals Cannabis, „weil es in der Gruppe cool war.“ Kiffen, trinken, Diebstahl, Körperverletzung, Beleidigung. Nach etlichen Jugendgerichtsverfahren schien er Fuß zu fassen, griff aber 2010 zu Heroin. Da war er bereits Vater eines zweijährigen ersten Kindes, zu dem selbst und zu dessen Mutter seit Jahren kein Kontakt mehr besteht. An der Holzfachschule begann er eine Ausbildung zum Koch, wechselte in ein Reinhardshäuser Restaurant, wo er seine Lehre endgültig abbrach. Die Verhandlung wird am 6. Juni fortgesetzt.(su)

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