Allee-Rundgang mit dem öffentlich bestellten Arboristen Florin

Hartes Stadtleben hat Folgen für Bäume

Bad Wildungen - Olaf Florin wirft seine ganze Fachautorität in die Waagschale, als am Wochenende der öffentliche Rundgang zu den Brunnenallee-Linden beginnt. Es geht um den Gesundheitszustand der Bäume und die Konsequenzen, die von der Stadt gezogen werden: ein mit Gefühlen behaftetes Thema.

Florin stellt sich den rund 40 Interessierten vor als Landschaftsgärtner, ausgebildeter „Arborist“ (Bachelorstudium mit Schwerpunkt Stadt- und Straßenbäume) sowie öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Bäume im Siedlungsraum. Letzteren geht es per se nicht so gut wie den Artgenossen in Wald und Flur. Zu wenig Platz für die Wurzeln, häufig zu wenig Licht, Belastungen durch Bauarbeiten und - in der Nähe von Straßen - besonders durch Streusalz.

„Bäume brauchen eigentlich einen freien Bereich für ihre Wurzeln, der etwa 1,50 Meter über die Ausdehnung der Krone hinausreicht“, schildert Florin, am Stamm einer Linde stehend. Den Zuhörern macht er klar, dass dort, wo sie stünden, mitten auf dem Pflaster der kleinen Allee, die Erde frei liegen müsste, um dieser Linde ihr gemäße Lebensbedingungen zu verschaffen. Stattdessen zwängen Steine und Blumenbeete den Baum ein, konkurrieren die Pflanzen darin mit ihm ebenso ums Wasser, wie es im grünen Streifen zwischen den Alleen der Rasen tut. Der Gedanke an Hennen in der Legebatterie drängt sich auf.

Vitalität leidet

Das harte Baumleben in der Stadt hat Folgen. „Sicher, es heißt: Krimlinden werden 200 Jahre alt, aber wie bei uns Menschen gibt es das absolute und das relative Alter“, erklärt der Arborist. Die Vitalität der Linden leidet massiv unter den Bedingungen, „mit mehr als 100 Jahren wären sie natürlicherweise viel größer“, setzt Florin hinzu und fasst dann den heikelsten Aspekt an. Die Stadt unterliege einer Verkehrssicherungspflicht. Sie haftet, wenn herabstürzende Äste kranker Bäume Spaziergänger verletzen.

Einkürzen, fällen

Die Linden müssten regelmäßig begutachtet werden. Je nach Zustand gilt es, die Bäume dann unterschiedlich zu bearbeiten und zu pflegen: „Das reicht vom Einkürzen der Krone bis hin zum Fällen. Dabei spielen auch Erwägungen der Wirtschaftlichkeit eine Rolle.“ Wenn ein Auto durch den TÜV falle, überlege der Besitzer ebenfalls, ob sich größere, teurere Reparaturen noch lohnen.

In Pflanzloch investieren

Trotz Stimmen aus dem Publikum, die bestehenden Krimlinden seien robust und für den Klimawandel besser gerüstet, plädiert Olaf Florin für heimische Winterlinden als Nachfolgerinnen beseitigter Altlinden. Von 2500 Euro Kosten für einen neuen Baum investiere man am besten 1500 Euro in ein gutes Pflanzloch. „Wenn ich in den ersten Jahren gut auf einen Jungbaum achtgebe, habe ich später weniger Pflegeaufwand“, riet der Experte.

Gemeinsam mit Hans-Jürgen Kramer vom Amt für Immobilienmanagement zeigte er den Teilnehmern des Rundgangs die Schwachstellen und Krankheitszeichen an den Alleebäumen auf. Beide betonten, dass es um eine behutsame, schrittweise Verjüngung der Allee gehe. Im Ergebnis werde sie sich in einigen Jahrzehnten als eine Prachtmeile mit vielen Generationen von Bäumen zeigen.

Winterlinden wirkten sich positiv auf das Erscheinungsbild aus, schloss Kramer. Ihre Äste wachsen alle gen Himmel, während die der Krimlinde im unteren Bereich der Krone peitschenartig nach unten hängen. (su)

Hintergrund

Kulturbeauftragter Bernhard Weller vermittelte Historisches von der Allee, die vermutlich die älteste in Deutschland ist. Der Grund: Im 17. Jahrhundert waren die Kurgäste noch in der Altstadt untergebracht und spazierten die lange Wasserleitung entlang bis zur Heilquelle.

Deshalb kamen die Wildunger auf die Idee, Bäume als Schutz vor Sonne und Wind zu pflanzen, sowie als Orientierungshilfe, damit sich die Entfernungen besser einschätzen ließen. „Eine solche geschichtliche Situation findet sich in keiner anderen deutschen Stadt. Wir haben bislang keinerlei Hinweise auf eine ältere Allee gefunden.“

Sie wurde im Lauf der Zeit mehrfach umgestaltet. Die größte Zäsur brachte der Bau der großen Allee als einer zentralen Verkehrsader der Stadt. 1926 waren die alten Bäume so krank, dass sich die städtischen Gremien entschieden, sie komplett fällen zu lassen und neue Linden anzupflanzen.(su)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare