Frischquak

Hinschauen

Bad Wildungen - Ich bin von Natur aus ein Schussel, Chaos liegt mir im Blut, und alles, was ich gleich, in einer Stunde, morgen oder nächstes Jahr sofort und dringend brauche, lasse ich an diversen Stellen griffbereit liegen.

Mein Hausengel liebt es dagegen aufgeräumt, und wo etwas herumliegt, -steht oder -hängt, wird‘s fortgeschafft und einsortiert. Problem: Mein Engel ist zugleich ein Eichhörnchen. Einen großen Teil der Nüsschen, den die possierlichen Tierchen als Wintervorrat vergraben, finden sie bekanntlich nicht wieder, weil sie vergessen haben, wo die Leckerli liegen.

Hoffnungsloser Chaot und aufräumfreudiges Eichhörnchen – die Kombination lässt keine Langeweile aufkommen. Meine neue Trainingshose, die hing doch vorgestern noch gewaschen und schon trocken auf der Leine? Ich suche und suche, frage meinen Hausengel, ob sie das gute Stück gesehen hat. „Weggeräumt. Mach die Augen auf, die Hose liegt bestimmt irgendwo vor deiner Nase.“

Das sagen Frauen immer, wenn Männer suchen, ob die Marmelade im Kühlschrank oder den Schlüssel auf dem Tisch. Ich suche im Regal mit den Sportklamotten, nehme in meinem Kleiderschrank jedes T-Shirt einzeln hoch, schaue in der Schmutzwäsche nach. Schließlich huscht meinem Hausengel eine Ahnung übers Gesicht. Sie greift, meines Fluchens überdrüssig, zum Haufen, den sie für die Altkleidersammlung zurechtgelegt hat (ganz unten im Schrank), zieht meine Trainingshose hervor und meint triumphierend: „Sage ich doch, du musst nur richtig hinschauen.“

Mein Knobelrunden-T-Shirt, das ich für den nächsten Wettkampf in vier Wochen schon mal auf dem Stuhl im Badezimmer drapiert hatte, taucht plötzlich bei den Sportsachen meiner Tochter auf (quittierte mein Engel mit der Bemerkung: „Warum nicht? Ist genauso schwarz wie das Handball-Trikot deiner Tochter“). Die Reihe ließe sich fortsetzen. „Du musst nur richtig hinschauen ...“ Und mir fällt beim Suchen regelmäßig eine Zeile aus einem Queen-Song ein: „... i‘m going slightly mad ...“

Wenn ich meinem Hausengel Vorhaltungen mache, warum sie dies und das wegräumt, wo ich dies und das doch extra da und dort liegen lasse, um es wiederzufinden, antwortet sie geduldig: „Du musst nur richtig hinschauen oder deine Sachen selbst einräumen.“ Diese Debatte gewinne ich nicht, niemals.

So bleiben mir nur kleine Siege, wie neulich, als mein Engel aufgeregt rief: „Mir wurde Geld aus dem Portemonnaie gestohlen. 150 Euro.“ Sie hat die Geldbörse gerade neu. Ich untersuchte das Finanztäschlein und – voilá – die Scheine steckten im letzten der drei Fächer, ziemlich tief zugegebenermaßen und schwer zu sehen, aber: Wie hab ich wohl grinsend kommentiert? „Du musst nur richtig hinschauen ...“

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