Altwildunger Bürgerverein will an längst abgerissene historische Hackfruchtkeller erinnern

Höhlen im Lehm dienten als Lagerkeller

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Der langen Betonmauer am Hettensee mussten die Hackfruchtkeller in den 60er-/70er-Jahren weichen (kleines Bild).Fotos: su/pr

Bad Wildungen-Altwildungen - Sie ist kein Schmuckstück, die Betonmauer am Altwildunger „Hettensee“. Der Bürgerverein möchte hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Wand ansehnlicher gestalten (siehe „Stichwort“) und an beinah vergessene, weil längst abgerissene historische Bauten erinnern.

Dabei erscheint „Bauten“ fast zu hoch gegriffen als Bezeichnung für die mehr als ein Dutzend „Hackfruchtkeller“, die bis in die 1970er-Jahre den Fuß des Südhangs säumten, an dem auch der Friedhof liegt. „Klänge“ heißt der Hang bei traditionsbewussten Ahlenstädtern. „Die Keller waren in den Tonmergel hineingegraben, vorne mit Ziegelsteinen abgemauert und mit Holztüren versehen worden“, erklärt Gerd Karges, der bis heute gegenüber wohnt. Er verbindet viele Kindheits- und Jugenderinnerungen mit den Kellern.

Aus heutiger Perspektive handelte es sich bei den höhlenartigen Lagerräumen um ein „historisch einmaliges Kellergewölbe-Ensemble“, sagt der Altwildunger Stadtverordnete und Architekt Jürgen Graul. Sie entstanden 1763 im Nachgang zum Großbrand, der den Ort dem Erdboden gleichgemacht hatte. Bis zu 24 Bauernhöfe drängelten sich auf engstem Raum nach dem Wiederaufbau unterhalb von Schloss Friedrichstein, berichtet Karges. Die Hackfruchtkeller halfen dem Platzmangel auf den Höfen ab. Die Stadt stellte sie den Landwirten für einen zuletzt symbolischen Pachtzins von einer Mark jährlich zur Verfügung.

1962 kündigt die Stadt die 200 Jahre alten Verträge

2,50 bis 3 Meter hoch und 2 bis 3 Meter tief in den Hang reichend, nahmen die Keller im Herbst nach der Ernte Dickwurzeln und Kartoffeln auf. Über eine Leiter stieg man von der Tür 1,50 bis 2 Meter hinunter.

1962 schlug formal ihr letztes Stündlein. Die Stadt kündigte die Pachtverträge, denn der Hang sollte teils abgetragen werden, um Platz für einen neuen Bürgersteig und eine breitere Straße „Am Hettensee“ zu schaffen. Die Motorisierung der jungen Bundesrepublik verlangte Tribut.

14000 Mark stellte die Stadt für das Projekt bereit. „Viele Pächter waren über den Verlust ihrer Fruchtlagermöglichkeit nicht begeistert“, sagt Jürgen Graul, der das Nachlass-Archiv von Wilhelm Steinmetz durchforstet hat, das die damalige Diskussion in der Politik widerspiegelt.

„Verwirklicht wurde der Bürgersteig erst zehn Jahre später“, ergänzt Gerd Karges. An Widerstände erinnert er sich nicht. Mögliche Erklärung: Ab den 1960er-Jahren siedelte die große Mehrheit der Landwirte aus Kern-Altwildungen aus. Die neuen Höfe boten genug Lagerflächen.

Stichwort

Der Altwildunger Bürgerverein möchte die Betonwand am Hettensee verschönern und an die alten Lagerkeller erinnern. Wie genau das Ganze aussehen soll, kann Vorsitzender Lars Kentel noch nicht sagen. Eine angedachte Variante ist, die Ziegelsteinfront der Keller auf den Beton zu malen und echte Türen aus Holz davor zu setzen, die so aussehen wie 200 Jahre lang die Originale. Ein oder mehrere Keller-Fassaden sollen so die Eintönigkeit der Wand durchbrechen. Einzelheiten will der Verein bei seiner Jahreshauptversammlung nächsten Freitag diskutieren.

Von Matthias Schuldt

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