Interview mit dem Autor

Holger Senzels Debut-Roman: "Später Zeuge" trifft Mörder in Weiß

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Frisch ausgepackt: Holger Senzel in Singapur mit den ersten Exemplaren seines Romans „Später Zeuge“. Der Autor hat sein Debüt angesiedelt in einer privaten Krebsklinik und zeigt zwei Menschen im Ausnahmezustand.

"Später Zeuge“ lautet der Titel des kürzlich erschienenen Debüt-Romans von Holger Senzel. Vor wenigen Tagen bekam er die ersten Exemplare nach Singapur geschickt.

Bad Wildungen - Von dort berichtet Senzel auf einer gemeinsamen Korrespondentenstelle mit seiner Frau Lena Bodewein für den ARD-Hörfunk aus Südostasien. Die WLZ-Redaktion sprach mit dem Autor über sein erstes fiktives Buch.

Herr Senzel, seit Jahrzehnten berichten Sie als Reporter nicht zuletzt aus Krisen- und Kriegsgebieten. Weltweit und preisgekrönt. Als Sachbuchautor haben Sie sich Ihrer persönlichen Krise öffentlich gestellt. Warum jetzt ein Roman?

Das war immer mein Traum. Es gibt ja das Bonmot: Journalisten sind Schriftsteller, die keine Geduld aufbringen. Ein Sachbuch ist schön, aber ein Roman war für mich immer die Königsklasse.

Mal ganz ehrlich: Für einen Journalisten, der sich immer an die Fakten halten muss, an die Realität, birgt das Schreiben eines Romans den großen Reiz, dass du einfach eine Geschichte erzählen kannst, die nicht durch Tatsachen gebremst ist. Du lässt deine Fantasie spielen. Das hat mir großen Spaß gemacht.

Wie verfielen Sie auf die Idee, einem Arzt die Hauptrolle zuzuschreiben?

Ich hatte irgendwann mal die Idee, eine moderne Tragödie zu schreiben; weil ich das eine sehr spannende Gattung finde, auch im echten Leben: Die Unausweichlichkeit zweier Zwänge, in denen ein Mensch steckt, und wie er mit einer vermeintlich ausweglosen Situation umgeht. Grundidee dabei war: Ein Mann wird erpresst mit seiner Vergangenheit. Er hat als junger Mann einen Mord begangen und ist davongekommen – inzwischen ist er Chefarzt und berühmter Wohltäter.

Dann taucht – Jahrzehnte später – dieser Zeuge auf und erpresst ihn. Sagt, was Erpresser oft sagen in solchen Geschichten: Wenn ich sterbe, gehen meine Beweise an die Polizei. Nun hat der Mann aber Krebs im Endstadium Und mein Protagonist – der Onkologe Professor Dr. Peter Zielke – kämpft wider besseres Wissen um das Leben seines Erpressers. Obwohl ihm klar ist, dass er keine Chance hat. Das funktioniert natürlich nur mit einem Arzt als Hauptfigur.

Aber warum eine Tragödie? Sie hätten doch auch eine Komödie oder einen Thriller schreiben können?

Weil ich glaube, dass diese Unausweichlichkeit der Zwänge, wie eine Tragödie sie beschreibt, in Wirklichkeit häufig gar nicht existiert. Es gibt im Leben meist nicht nur ein Entweder- oder – sondern manchmal auch einen dritten Weg. Nur sehen wir den nicht in unserer Panik. Diese Angst: Ogottogott, was soll ich nur machen? Und dann verfallen Sie in panische Krisenintervention und machen alles immer schlimmer.

So was kennen wir alle ...

Ja. Ich beschreibe so ein Beispiel im Roman aus meinem Leben als Schüler. Ich hatte meine Eltern lange im Unklaren gelassen über meine miserablen schulischen Leistungen. Dann drohten eines Tages zwei blaue Briefe. Was tat ich? Ich schwänzte die Schule und fing die Briefe ab.

Dann wollte die Schule eine Entschuldigung wegen Krankheit. Also fälschte ich die Entschuldigung mit der Unterschrift meines Vaters. Am Ende wäre ich fast rausgeflogen wegen Urkundenfälschung – und das alles wegen zweier blauer Briefe. Wenn´s an dieser Stelle nicht rausgekommen wäre, hätte ich vielleicht den Direktor ermordet ...

Sie haben´s zum Glück gelassen.

(Lacht) Ja, aber das ist es, was mein Protagonist macht. Er hat einmal Mist gebaut und denkt, es gebe keinen Ausweg, also begeht er weiter und weiter Fehler und vertuscht eine Lüge mit der nächsten.

Was ich noch so interessant finde an diesem Typen, der ganz anders geworden ist, als ich zu Beginn dachte: Er findet immer eine Rechtfertigung für sein Handeln. Er ist ja ein ganz übler Typ, ein Verbrecher. Er foltert als Arzt sogar einen Menschen, aber redet sich immer noch ein, dass er am Ende ein anständiger Kerl ist. Mit der Haltung: Ich muss das ja tun.

Die Arbeit der Hauptfigur in einer Krebsklinik prägt den Roman. Das ist ja eines der komplexesten medizinischen Themen, das man sich aussuchen kann. Wie gestaltete sich die Recherche dazu?

Grauenhaft. Ich war oft an dem Punkt, an dem ich sagte: ich lasse es. Ich kann mich nur blamieren. Ich habe ganz viel gelesen: „König der Krankheiten“ oder Solschenizyns „Krebsstation“.

Zwischendurch dachte ich: Es ist doch egal, der Mann ist einfach Arzt, weil es für die Geschichte notwendig ist. Aber das ging nicht: Niemand wird einfach Arzt, das prägt dein Bewusstsein. Darum habe ich hospitiert in der Onkologie der Universitätsklinik Eppendorf.

Was haben Sie von dort mitgenommen?

Das war so ziemlich das Härteste, was ich je erlebt habe. Ich habe viel Leid gesehen in Kriegen und auch Tod, aber so nah ist mir das zuvor nie gewesen. Auf einer Krebsstation zu sein bedeutet, deinen Urängsten zu begegnen.

Ich war bei Konferenzen dabei und im weißen Kittel mit einer Ärztin den ganzen Tag unterwegs. Die Arbeit der medizinischen Teams und der Pflegekräfte beeindruckte mich – und dass es, im Gegensatz zu meinem Job, keinen Zynismus gibt. Was vielleicht daran liegt, dass es da wirklich um etwas geht.

Am Ende dieser Tage in der Hospitation war ich abends so fertig, dass ich fast wieder angefangen hätte zu rauchen. Aber das ist natürlich völlig absurd, von der Krebsstation zu kommen und sich eine Zigarette anzuzünden. Ich habe jedenfalls seitdem eine noch höhere Achtung vor dem Beruf des Arztes und dem der Pflegekräfte. Obwohl mein Protagonist im Roman ein Schurke ist, ragt für mich der Beruf des Arztes aus allen anderen heraus.

Was unterscheidet die erste Fassung des Romans am meisten vom Ergebnis?

Ich dachte, ich kann mit dieser Grundidee eine Geschichte erzählen, setze mich hin und schreibe einen Roman. Doch nach und nach wurde deutlich, was für eine unglaubliche Arbeit das macht. Du bist auf Seite 300 und stellst fest: Verdammt, das funktioniert überhaupt nicht, weil dein Protagonist auf Seite 180 etwas getan hat, das die Sache auf Seite 300 unmöglich macht.

Oder ich bilde mir ein, dass ich eine fantastische, eine geniale Idee habe – und meine Frau sagt: Das versteht keiner und bringt die Geschichte nicht weiter. Meine Frau ist meine härteste Kritikerin: wohlwollend, aber brutal.

Wie haben Sie reagiert?

Das habe ich in meinem Job ja gelernt; Kritik hat immer Recht. Wenn mein Hörer etwas nicht versteht, habe ich versagt und nicht er ist blöd.

Zwischendurch schickte ich zum Beispiel meinen Protagonisten so in die Drogenabhängigkeit, dass er glaubte, er könne den Zeugen heilen. Doch dann sagte ich mir: Senzel, der Mann ist seit Jahrzehnten Arzt. Der glaubt niemals an die Heilung eines solchen Karzinoms. Als Journalist würde ich mit vier Promille Alkohol im Blut nicht an Beweise für eine UFO-Landung im Edertal glauben.

Das würde Ihre Glaubwürdigkeit sonst auch schwer erschüttern.

Auf sie kommt es auch in einem Roman an. Die Geschichte muss nicht realistisch sein, aber – und das habe ich zu Beginn unterschätzt – plausibel muss sie sein. Bis in die Details. Meine Lektorin wies mich bei einer Szene beispielsweise darauf hin, dass man Sinatras „My way“ nicht mitklatschen kann. An Star Wars etwa störte mich nicht, dass Leute mit Lichtgeschwindigkeit durchs All fliegen – aber dass diese Leute dann mit Lichtschwertern kämpfen, fand ich beknackt. Nicht plausibel.

Wäre Ihr Dr. Zielke beleidigt, wenn ihn eine Leserin am Ende des Romans als Charakterschwein mit Hang zu guten Taten aus Berechnung bezeichnete?

Er ahnt, dass er ein Schwein ist. Er empfindet es als Strafe, ein Schwein sein zu müssen. Das Wichtigste für ihn aber ist, dass nichts von der Geschichte rauskommt, das sein äußerliches Bild zerstört. Meine Sympathien liegen mehr bei seinem kriminellen Patienten, der eine gewisse Cleverness an den Tag legt.

Angesichts eines echt miesen Typen als Hauptfigur: Vertrauen Sie eher auf das Gute oder auf das Schlechte im Menschen?

Auf das Gute. Ich bin selten enttäuscht worden und ein optimistischer Mensch. Nur ein optimistischer Mensch kann so ein düsteres Buch schreiben, glaube ich.

Zur Person

Holger Senzel hat mit 60 Jahren seinen ersten Roman vorgelegt. Im vergangenen Herbst erhielt er den Deutschen Radiopreis in der Kategorie „Reportage“ für einen Beitrag von 2018 über die Folgen eines schweren Erdbebens in Petobo/Indonesien. Seine Karriere als Journalist begann er einst als Volontär bei der WLZ. Senzel lebt mit seiner Familie in Singapur. 2011 veröffentlichte er das Buch „Arschtritt“, in dem er seinen Weg aus der Depression beschreibt, die ihn mit Anfang 40 ergriff. Sein Roman „Später Zeuge“ ist bei Nagel und Kimche erschienen. Die gebundenen 315 Seiten kosten 22 Euro.

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