Ausstellung von vier heimischen Museen

Erinnerungen von Kriegskindern aus Waldeck-Frankenberg

Konzipierten die Ausstellung „Wir Kriegskinder“: (von links) Oxana Wagner, Bernhard Weller (beide Bad Wildungen), Dr. Wilhelm Völcker-Janssen (Korbach), Dr. Birgit Kümmel (Bad Arolsen) und Ruth Piro-Klein (Frankenberg)
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Konzipierten die Ausstellung „Wir Kriegskinder“: (von links) Oxana Wagner, Bernhard Weller (beide Bad Wildungen), Dr. Wilhelm Völcker-Janssen (Korbach), Dr. Birgit Kümmel (Bad Arolsen) und Ruth Piro-Klein (Frankenberg)

Die Museen Bad Wildungen, Bad Arolsen, Korbach und Frankenberg präsentieren eine gemeinsame Ausstellung namens „Wir Kriegskinder“. Wegen Corona ist sie derzeit nur online zu erleben.

Bad Wildungen – „Ich kann bis heute keine Fahnen mehr sehen und jeden verstehen, der das Deutschlandlied nicht mitsingt; die Melodie des Liedes ist bei mir einfach negativ besetzt.“ Christa Haag, Jahrgang 1932, hegt die innere Abneigung, seit sie 1943 von Kassel aus zum Schutz vor Luftangriffen zur „Kinderlandverschickung“ ins Wildunger Haus „Dornröschen“ kam.An den Unterricht dort erinnert sie sich nicht mehr, sondern nur noch an einen von strenger Disziplin beherrschten Alltag. „Vor dem Frühstück gab es jeden Morgen... Antreten, Meldung, Fahnenappell ... und ... Absingen des Deutschlandliedes sowie des Horst-Wessel-Liedes.“

Christa Haag ist einer von 16 Menschen, die in der Ausstellung „Wir Kriegskinder“ von ihrer Kindheit zwischen 1933 und 1955 in Waldeck-Frankenberg berichten. Ihre Erlebnisse sind in Form von biografischen Texten niedergeschrieben, zum Teil von ihnen selbst, zum Teil als Ergebnis von Interviews, die sie dem Team aus den vier beteiligten Museen im Landkreis gaben. „Erinnerungen, die manchmal lange verdrängt wurden“, sagt Bernhard Weller, Leiter der Wildunger Museen.

Zehn Kindheitserinnerungen aus der Kurstadt sind dabei, nicht zuletzt, weil es dort drei Kinderkurheime bis weit in die Nachkriegszeit gab. Insgesamt acht Häuser wurden während des Krieges für Kinderlandverschickung genutzt: etwa die Hotels Königsquelle und Westend.

Die Kinder, die hierher kamen, waren oft hin und her gerissen, zeigt das Beispiel von Lore Oldewage aus Wilhelmshaven. Sie schreibt im September 1941 an ihre Familie: „Ich möchte gerne hierbleiben, denn ich möchte mich nicht jede Nacht in den Keller jagen lassen. Dann möchte ich aber auch gerne in Wilhelmshaven das Weihnachtsfest erleben.“

Eine Wildungerin, die namentlich nicht genannt werden möchte und 1946 geboren wurde, kam Ende der 1960er-Jahre als junge Erwachsene in die Stadt: Sie brachte die Erfahrung eines harten, von Not geprägten Familienalltages mit, den das sehr schwierige Verhältnis der ältesten Tochter zum heimgekehrten Vater emotional bestimmte. Sie musste sich um die jüngeren Geschwister kümmern. Der Vater verwehrte ihr das Abitur, „konnte nicht loben“ und war offensichtlich von seinen Kriegserinnerungen traumatisiert, ohne mit der Familie darüber reden zu können: „Ihr wisst ja nicht, was war. Man hat mir meine Jugend gestohlen.“

Freddy Hirsch und seine Familie hatten schon 1936 ihre Wildunger Heimat verloren. Die Hirschs flohen vor der Judenverfolgung, die dem millionenfachen Mord, der Shoah, vorausging. Sie überlebten in Südafrika, weil sie die Schlüsse aus der abgrundtiefen Demütigung des Vaters zogen. Dieser war als einstmals angesehener Wildunger Kaufmann 1933 mit dem Schild „Halsabschneider, Wucherer und Schieber“ bei einem judenfeindlichen Umzug von SA-Leuten durch seine Heimatstadt getrieben worden, ohne dass sich nennenswerter, dokumentierter Widerstand in der Bevölkerung geregt hätte.

Als Folge der Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland verlor Dr. Albrecht Lückhoff, später Bürgermeister von Bad Wildungen, 1946 als 13-Jähriger seine Heimat in Schlesien. Polnische Milizen trieben ihn und seine Familie fort von dem Ort, an dem er einige Zeit zuvor Traumatisches beobachtet hatte: „Durch die Hauptstraße wurde ein langer Zug von Häftlingen getrieben, die aus einem Konzentrationslager in Feindesnähe nach Westen verbracht wurden: Bei strenger Kälte, ohne jegliche Winterkleidung, gesundheitlich ausgemergelt – ein Anblick, der schockierend war.“

Die Texte zur Ausstellung sind zu lesen unter www.museum-bad-wildungen.de. Bis 5. April soll die Ausstellung im Quellenmuseum bleiben, das aber vorerst wegen Corona geschlossen bleibt. (Matthias Schuldt)

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