Bad Wildungen: Achim Frede gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung in und zum Nationalpark

Inventur zu fast 70 Prozent geschafft

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Bad Wildungen - „Es dauert 30 Jahre, bis man so ein Gebiet aus wissenschaftlicher Sicht wirklich kennt. Aber nach zehn Jahren haben wir bei der Inventarisierung – der ,Inventur‘ – einen befriedigenden Stand erreicht.“

So lautet die Zwischenbilanz von Achim Frede, dem Leiter der Forschungsabteilung beim Nationalpark Kellerwald-Edersee. Im Schutzgebiet erwartet die Wissenschaft zwischen 7000 und 8000 Tier- und Pflanzenarten zu finden, Mikroorganismen wie Bakterien allerdings nicht eingerechnet. „5500 Arten haben wir bislang nachgewiesen“, sagt Frede.

Bei manchen Gattungen, wie den Heuschrecken, sind mittlerweile 28 bekannt. 30 werden am Ende erwartet. Viel Arbeit steht den Forschern noch bei den Käfern bevor. Von 2000 kalkulierten Arten liefen in den vergangenen zehn Jahren 900 vor die Lupen. Der Käfer und die Wanze Darunter der berühmte „Veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer“, der sich nur in Urwäldern oder urwaldähnlichen Biotopen zu Hause fühlt. Insekten-Spezialisten haben übrigens eine Nachbarin entdeckt, auf die dasselbe zutrifft: eine besondere Wanze, die ebenfalls auf Totholz steht.

Der beachtliche Stand, den der Nationalpark in so kurzer Zeit erlangt hat, beruht nicht auf Zufall. „Die vielen ehrenamtlichen Forscher, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in dem Gebiet engagierten, haben eine hervorragende Vorarbeit geleistet und bleiben am Ball“, erklärt Frede. Die wichtigste Wissenschaftsaufgabe der Parkverwaltung liegt im sogenannten Monitoring: dem Beobachten der Lebensräume in den kommenden Jahrzehnten unter der Fragestellung, wie sie sich weitgehend ohne Zutun des Menschen entwickeln.

Urwald-Daumenkino

Ein besonders spannendes Projekt, das sich in diesem Zusammenhang an die Öffentlichkeit richtet, besteht aus 30 festgelegten Fotopunkten. Mehrmals im Jahresverlauf wird von diesen Punkten aus mit derselben Brennweite, unter möglichst ähnlichen Lichtbedingungen ein Bild geschossen. Über Jahrzehnte entsteht so ein Daumenkino, das die Geburt und das Aufwachsen des Urwaldes im Nationalpark dokumentieren soll.

Ein Bonbon für Wetterfans: Auf dem Peterskopf wurde eine Klimastation installiert, die permanent Daten zu Wind, Niederschlägen und mehr ermittelt und sofort im Internet preisgibt (www.klug.de, Stichwort „Klimastationen“). Neben den großen Zusammenhängen stehen einzelne Tierarten im Fokus des Interesses: ganz vorne die Fledermäuse.Keine Forscher-Spielwiese

„Bei all dem ist der Park aber keine Spielwiese für Forscher. Der Schutz hat oberste Priorität“, erklärt Achim Frede. Das bedeutet: Biologen etwa müssen, wenn sie das Gebiet betreten und Untersuchungen betreiben wollen, nachweisen, dass diese Arbeit ausschließlich im Nationalpark Kellerwald-Edersee möglich ist und dass sie einen Erkenntnisgewinn für die weitere Entwicklung des mehr als 5000 Hektar großen Areals bringt. Weil der Schutz der natürlichen Entwicklung und einzelner Arten im Vordergrund steht, investiert der Nationalpark in Aktionen wie das Fällen und den Hubschrauber-Abtransport von Nadelbäumen aus dem vorigen Jahr. Ziel war es, der sehr seltenen Pfingstnelke Luft und Licht zum Überleben zu geben. „Wir haben für diese Art eine besondere Verantwortung, weil sie weltweit nur noch an einigen wenigen Standorten in Mitteleuropa überlebt hat, von denen der am Edersee zu den wichtigsten gehört“, schließt Frede. (su)

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